Ada Christen

Ein Brief

Gedankenlos, mit lässig matter Hand
Kramt sie wie ordnend unter altem Tand:
Verblichne Bänder und glanzlose Orden
Von manchem Ball, farblose Blumen, Borden,
Und nun? ... Von starrer Seide gar ein Maskenkleid,
Des Rock zu kurz, des Leibchen jetzt zu weit.
Ist’s denn so lange, dass dies Prachtgewand,
Die stolzen Glieder schmückend, sie umspannt,
Verrauschten doppelt schnell die hellen Zeiten,
Dass jetzt sie mühsam aus dem Düster schreiten
Und sie begrüssen dumpf und duftig-schwül,
Gleich Schläfern halberwacht auf weichem Pfühl? –

Fast teilnahmslos bewegt sie nur das Haupt
Und schaut ins Leere lange, wie beraubt
Des Rückgedenkens ... mahnt aus fernen Tagen
Auch all das Zeug mit ungewissen Fragen.
»Dahinter liegt so vieles wie ein Traum!«
So spricht sie ruhig, rührt die Lippen kaum,
Doch blähen zaghaft-langsam sich die Nüstern;
Sie saugt den Duft ein, wie nach Küssen lüstern,
Und schaut und sucht, woher die Welle schwebt,
Der Wohlgeruch, der ihr entgegenwebt ...
Mit einemmal, wie sie das Kleid berührt,
Mit Aug’ und Fingern tastend es durchspürt,
Hört sie ein hohles Rascheln, Knistern, Krachen;
Sie sucht ... und flüstert dann mit kühlem Lachen:
»Ei sieh! ... Da in der Tasche steckt ein Brief,
Verschlossen noch … Die Lettern kraus und schief,
Doch deutlich ist mein Name da zu lesen.
Steckt’ ich ihn ein? ... Vergass? ... Ist’s so gewesen? ...
Gewiss! ... ich war doch nur ein einzigmal
In diesem Kleid auf einem Maskenball.
Ah!! ... aus dem Briefe ... weht die schwüle Luft!...
Wer gab ihn damals mir?! ... Maiglöckchenduft?? ....
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Fastnachtende 189.


Loge rechts 6.


»Du bist nicht schön – doch wie mit Zauberkraft
Treibt mich zu dir die herbste Leidenschaft;
Kein Wimperzucken hat es dir gestanden,
Wenn oftmals wir im Lärm der Welt uns fanden.
O, spotte nicht, weil dieser erste Brief
Auf einem Ball von Schmerzen spricht, die tief, –
Wenn du nicht ehrlich bist, unheilbar sind!
Hab nur Geduld, ich bin kein greinend Kind,
Und du vermagst es, ernst und klug zu denken.
Hör auf dies Wort, denn es ist frei von Ränken! –
Was mir in Herz und Hirn unrastend bohrt,
Nimm nicht als Fasnachtsscherz an diesem Ort.
Du bist nicht froh – aus deinen Zügen spricht
Oft eine Trauer, die den Mut zerbricht:
Ob deiner Starrheit stumm dich anzuklagen,
Um deiner Schwermut dunklen Born zu fragen.
Doch Zorn erfasst mich immer, wenn du lachst,
Gleich andern Weibern öde Possen machst.
Du bist nicht jung – und es umweht dich kalt,
Oft, wenn du rückwärts schaust, wirst jäh du alt.
Ich würde zweifeln, sprächst du mir von Liebe,
Ich würd’ vergehen, wenn ich bei dir bliebe
Und du nie sagtest, dass du mich nur liebst,
Dass kein Atom von dir du andern giebst.
Du bist nicht gut! – Doch nicht das, was du bist,
Das, was vielleicht in dir gestorben ist,
Das ist es, was ich hören will und schauen,
Das macht mich krank vor sehnsuchtsvollem Grauen.
Die Seele will’ ich, der die Macht entstammt,
Dass sie geheimnisvolles Leid entflammt,
Das Mitleid! – das mich drängt, dich zu umfassen
Und nimmermehr aus meinem Arm zu lassen,
Mit dir zu flüchten in ein fernes Land,
Mit dir zu sterben fremd und unbekannt.

Werd’ nur nicht müde dieses Bleigekritzels
Inmitten all des Weihrauchs, des Gewitzels
Der alten und der knabenhaften Gecken; –
Wie findest Lust du, solchen Kram zu necken?
Erbarme dich! erkenn’ den Herzensklang,
Der zu dir ruft, so wahrheitsvoll, so bang!
In jener Loge wart’ ich fiebernd dein.
Es braucht ein »Ja« nur oder nur ein »Nein« –
Die Maske, die dir schnell das Blatt wird reichen,
Sie harret nicht auf Antwort oder Zeichen.
Die Larve schützt – poch an die Logenthür,
Nimm meinen Arm, wir schreiten für und für. –
Doch kommst du nicht, so reise ich allein,
Und nichts gemahnet je dich an mein Sein;
Ich will für alle, alle Zeit dich meiden.
Dein müdes Herz sei stets bewahrt von Leiden,
Wie ich sie schweigend bis zur Stunde litt ....
Ob von mir – oder zu mir führt dein Schritt?!
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Denk nicht an Wahnsinn, glaube an den Zug,
Der stärker ist als Satzung – Menschentrug,
Und sage dir: Er suchet meine Seele! –
O, komm mit mir, dass ich den Weg nicht fehle,
Ich baue weltfern dir ein Heimathaus,
Unseliges Weib! o komm und ruhe aus! – – –«
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So schloss der Brief, sie aber sann und sann:
»Maiglöckchenduft? … Wer war der Mann?«
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