Ada Christen

An Pauline

An einem Sonntag war's, als ich im Fieber lag
In meinem frostig, einsam-stillen Zimmer,
Und trüben Blickes durch die Scheiben sah.
Die weißen Flocken tanzten in der Luft,
Ein scharfer Wind trieb sie an meine Fenster,
Wie kleine krause Falter klebten sie
An jedem Stücklein Holz, das Stütze bot.
Und immer dichter wirbelte der Schnee,
Und immer greller pfiff der Wind sein Lied,
Sodaß die Fenster bebten, schrill erklirrten.
Eisblumen blühten mählig auf den Scheiben,
Mit heißen Augen schaute ich ihr Blühen,
Und meine Seele weinte um den Frühling,
Denn ich war krank – seit langen Monden krank.
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Ein kalter Hauch zog jetzt durch meine Stube,
Das weiße Schneelicht that den Augen weh,
Ich schloß sie matt und schlief bald fröstelnd ein.
Doch wilde Traumgestalten faßten mich
Und hüllten mich in ihre schwarzen Schleier,
Und Schmerzen, die noch jüngst die Seele quälten,
Ich litt sie wieder nun im Traume durch,
Und meine Kissen wurden naß von Thränen.
Zuweilen nur erweckte mich die Angst,
Ein geller Schrei rang sich aus meiner Brust
Und riß entzwei des Traumes dichte Schleier.
Dann sah ich wohl die graue Dämmerung,
Sah dunkle Schatten durch die Stube huschen
Und hörte dumpf den Sturm vorüber ächzen,
Doch wieder faßten mich die Traumgestalten
Und schleppten meinen fieberkranken Leib
Fort durch ein Meer von Qualen und von Thränen.

Da plötzlich wehten milde Frühlingslüfte
Um meine feuchte, fieberheiße Stirn,
Und eine weiche, sanfte Stimme mahnte:
»Erwache doch, und sieh dein Stübchen an« –
Und als ich traumbefangen, angsterfüllt
Die Augen aufschlug – war der Frühling da. ...
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Vom Christusbilde, das mein Lager schmückt,
Da bogen grüne Zweige sich hernieder,
An welchen zarte, lichte Blüthen schwankten,
Die sich erschlossen bald zu seltnen Blumen,
Zu bleichen Leidensblumen – Passifloren ...
Und gegenüber meinem Schmerzenslager,
Dort wo ich saß, als ich gesund und muthig,
Dort wo ich schrieb, was ich geahnt, gefühlt,
Dort wo auf schwarzem Grund mit goldnen Lettern
Der trübe Wahrspruch meines Lebens glänzt,
Dort lauschte eine blaue Märchenblume
Herab aus keuscher, grüner Epheuhülle;
Die Epheuranken zogen sich entlang
Zu manchem Bild, das an die Kindheit mahnt
Und mich erinnert an geliebte Todte. ...
Die schneeigen Gardinen wallten nieder
Und durch die Stube wogte Duft und Licht...
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An meinem Lager stand die milde Fee,
Die all den Zauber um mich ausgegossen,
Sie fragte lächelnd: »Bist Du nun zufrieden?
Der Winter tobt jetzt draußen in der Welt,
Du wirst genesen – bei Dir wohnt der Frühling.« –
»Ein künstlicher!« – so schluchzte ich enttäuscht,
Als meine Hand die Blumen scheu berührte
Und ich in Dir die milde Fee erkannte.
Du aber schüttelst sachte nur das Haupt,
Daß Deine goldnen Locken heller glänzten,
Und sagtest fromm: »Und dennoch Frühlingsblumen!
Hör' nur zuerst, wie sie geworden sind« –
Und Du erzähltest mir mit leiser Stimme,
Wie Du Dich einst mit todeswundem Herzen
Fort aus der Welt in die Natur geflüchtet,
Wie sie alsdann in gottgeweihten Stunden
Ihr innerstes Geheimniß Dir vertraut,
Wie Du geschaut ihr leises Weben, Schaffen,
Und wie Du zagend ihrer Spur gefolgt,
Wie die Natur Dich Deine Kunst gelehrt,
In der Dir eine neue Welt erstand,
Die Deinem Herzen Trost und Frieden gab,
Empor Dich trug zu Deinen Idealen
Und oft Vergessenheit Dir bot. – –
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Als Du so leise, friedlich zu mir sprachst,
Da zitterten die Blumen mir zu Häupten,
Sie lauschten – diese Leidens-Frühlingsblumen –
Ich aber lernte so an Deiner Brust
Geduldig harrend – auf Genesung hoffen,
Ich lernte glauben an den neuen Frühling,
Und seine erste Blume – weih' ich Dir.