Ada Christen

Meine Muse

I

Ueber jähe Freud'
   Und wehes Zagen,

Ueber Seligkeit,
   Verzweifeltes Wagen,

Ueber tiefes Leid
   Und schweres Entsagen ...

Hat mich getragen
   Deine strenge Hand
In geweihten Tagen.

II

Ich weiß es wohl, nur Trotz und Widerspruch
   Hört ihr aus jedem meiner Verse reden,
Und dieses kleine unscheinbare Buch,
   Ihr werdet es verdammen und befehden.

Oh thut es nicht! ... weil ich nicht singen kann
   Der Freude Lied, sollt ihr nicht fürder grollen,
Was meine Muse trauervoll ersann, –
   Glaubt mir, ich hab' es oft nicht singen wollen.

Wenn ich es dennoch immer wieder sang,
   So ahnte mir, daß wo an fernem Orte
Ein Qualverwandter wortlos-leidend rang,
   Der seinen Aufschrei fand in meinem Worte.

III

Denn meine Muse ist ein ernstes Weib,
   Das mich nicht aufsucht, um mit mir zu scherzen,
Das nicht mit Flitter sich behängt den Leib,
   Das jedes Lied holt aus geprüftem Herzen.

Wenn sie den Schleier stolz vom Haupte zieht
   Und mich ihr Antlitz läßt, ihr weißes, schauen,
Dann fühle jäh ich, wie die Freude flieht,
   Und meine Seele fasset hehres Grauen.

Ich schreite stumm an ihrer Hand den Pfad,
   Der tief hinabführt zu dem schwarzen Flusse,
Und lausche, wenn sie dem Gewässer naht,
   Erschüttert ihrem trauervollen Gruße,

Den sie zu Hörigen der Mühsal schickt,
   Die drüben an dem kahlen Ufer harren,
Von wo der Glücklose herüberblickt,
   Der viel gehofft vor langen, langen Jahren.

IV

Glaubt Ihr, ich könnte doch ein frohes Lied
   Hier angesichts des andern Ufers singen,
Wo Manche harren, die, als ich einst schied,
   Mit bangen Blicken folgten meinem Ringen?

Die arm und niedrig – wie sie jetzt noch sind –

   Einfältigen Tones treue Worte sprachen,
Und für das kleine frühverwaiste Kind
   Ein Stück vom eignen kargen Brode brachen.

V.

Zuweilen tröstet mich die Muse wohl,
   Sie werden langsam doch herüberschwimmen,
Sie werden endlich muth- und mühevoll
   Doch dieses steile Ufer noch erklimmen.

Sie werden doch auf festen guten Grund
   Noch ihre armen dürftigen Banner stellen,
Und nimmer kämpfen, hungermatt und wund,
   Ihr lebelang nur gegen Wind und Wellen.

Erhobnen Hauptes weis't sie auf die Schaar,
   Die durch den schwarzen Fluß der Noth geschritten
Und doch zu Jenen stehet treu und wahr,
   Mit denen ehmals drüben sie gelitten ...