Gustav Falke

Tag und Nacht

Einen dichtesten, dunkelsten Schleier trug
Die Nacht. Quält alte Schuld und Not
Sie immer noch? Auf ihrem Flug,
Was sie mit leisem Flügel schlug,
Stand alles starr und tot.

Was kümmert es den jungen Tag,
Was die schweigsame Schwester beschwert,
Da er in holdem Schlummer lag;
Er fragt der Weinenden nicht nach,
Die seiner nie begehrt.

Auf falterfarbigen Flügeln hebt
Er freudejauchzend sich hinauf,
Und wie er über den Wiesen schwebt,
Ein jedes Blümchen, das da lebt,
Lächelt zu ihm auf.

Nur der trübe Bach klagt leis
Zwischen Schilf und schwarzem Moor.
Gab ihm die Nacht ihr Geheimnis preis?
Er flüstert und wispert, als ob er was weiß,
Und raschelt und raunt im Rohr.