Paul Gerhardt

Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen

(Jes. 52, 13 ff. u. 53)

Siehe, mein getreuer Knecht,
Der wird weislich handeln,
Ohne Tadel, schlecht und recht
Auf der Erden wandeln;
Sein getreuer, frommer Sinn
Wird in Einfalt gehen,
Und noch dennoch wird man ihn
An das Kreuz erhöhen.

Hoch am Kreuze wird mein Sohn
Große Marter leiden,
Und viel werden ihn mit Hohn
Als ein Scheusal meiden.
Aber also wird sein Blut
Auf die Heiden springen
Und das ewge wahre Gut
In ihr Herze bringen.

Kön'ge werden ihren Mund
Gegen ihn verhalten.
Und aus innerm Herzensgrund
Ihre Hände falten.
Das verblend'te taube Heer
Wird ihn sehn und hören
Und mit Lust zu seiner Ehr
Ihren Glauben mehren.

Aber da, wo Gottes Licht
Reichlich wird gespüret,
Hält man sich mit nichten nicht
Wie es sich gebühret:
Denn wer glaubt im Judenland
Unsrer Predigt Worten?
Wem wird Gottes Arm bekannt
In Israels Orten?

Niemand will fast seinen Preis
Ihm hie lassen werden,
Denn er schießt auf wie ein Reis
Aus der dürren Erden,
Krank, verdorret, ungestalt,
Voller Blut und Schmerzen,
Daher scheut ihn jung und alt
Mit verwandtem Herzen.

Ei, was hat er denn getan?
Was sind seine Schulden,
Daß er da für jedermann
Solche Schmach muß dulden?
Hat er etwann Gott betrübt
Bei gesunden Tagen,
Daß er ihm anitzo gibt
Seinen Lohn mit Plagen?

Nein, fürwahr! Wahrhaftig nein!
Er ist ohne Sünden.
Sondern was der Mensch für Pein
Billig sollt empfinden,
Was für Krankheit, Angst und Weh
Uns von Recht gebühret,
Das ist's was ihn in die Höh
An das Kreuz geführet.

Daß ihn Gott so heftig schlägt,
Tut er unsertwillen,
Daß er solche Bürden trägt,
Damit will er stillen
Gottes Zorn und großen Grimm,
Daß wir Frieden haben
Durch sein Leiden und in ihm
Leib und Seele laben.

Wir sinds, die wir in der Irr
Als die Schafe gingen
Und noch stets zur Höllentür
Als die Tollen dringen.
Aber Gott, der fromm und treu,
Nimmt, was wir verdienen
Und legts seinem Sohne bei,
Der muß uns versühnen.

Nun, er tut es herzlich gern,
Ach, des frommen Herzens!
Er nimmt an den Zorn des Herrn
Mit viel tausend Schmerzen
Und ist allzeit voll Geduld,
Läßt kein Wörtlein hören
Wider die, so ohne Schuld
Ihn so hoch beschweren.

Wie ein Lämmlein sich dahin
Läßt zur Schlachtbank leiten
Und hat in dem frommen Sinn
Gar kein Widerstreiten,
Läßt sich handeln, wie man will,
Fangen, binden, zähmen
Und dazu in großer Still
Auch sein Leben nehmen.

Also läßt auch Gottes Lamm
Ohne Widersprechen
Ihm sein Herz am Kreuzesstamm
Unsertwegen brechen.
Er sinkt in den Tod hinab,
Den er selbst doch bindet,
Weil er sterbend Tod und Grab
Mächtig überwindet.

Er wird aus der Angst und Qual
Endlich ausgerissen,
Tritt den Feinden allzumal
Ihren Kopf mit Füßen.
Wer will seines Lebens Läng
Immer mehr ausrechnen?
Seiner Tag und Jahre Meng
Ist nicht auszusprechen.

Doch ist er wahrhaftig hier
Für sein Volk gestorben
Und hat völlig mir und dir
Heil und Gnad erworben,
Kommt auch in das Grab hinein
Herrlich eingehüllet,
Wie die, so mit Reichtum sein
In der Welt erfüllet.

Er wird als ein böser Mann
Vor der Welt geplaget,
Da er doch noch nie getan,
Auch noch nie gesaget,
Was da bös und unrecht wär;
Er hat nie betrogen,
Nie verletzet Gottes Ehr,
Sein Mund nie gelogen.

Ach, er ist für fremde Sünd
In den Tod gegeben,
Auf daß du, o Menschenkind,
Durch ihn möchtest leben,
Daß er mehrte sein Geschlecht,
Den gerechten Samen,
Der Gott dient und Opfer brächt
Seinem heilgen Namen.

Denn das ist sein höchste Freud
Und des Vaters Wille,
Daß den Erdkreis weit und breit
Sein Erkenntnis fülle,
Damit der gerechte Knecht,
Der vollkommne Sühner,
Gläubig mach und recht gerecht
Alle Sündendiener.

Große Menge wird ihm Gott
Zur Verehrung schenken,
Darum, daß er sich mit Spott
Für uns lassen kränken,
Da er denen gleich gesetzt,
Die sehr übertreten,
Auch die, so ihn hoch verletzt,
Bei Gott selbst verbeten.