Paul Gerhardt

Die sieben Worte Christi am Kreuz

Hör an, mein Herz, die sieben Wort,
Die Jesus ausgesprochen,
Da ihm durch Qual und blutgen Mord
Sein Herz am Kreuz gebrochen.
Tu auf den Schrein
Und schleuß sie ein
Als edle hohe Gaben,
So wirst du Freud
In schwerem Leid
Und Trost im Kreuze haben.

Sein allererste Sorge war,
Zu schützen, die ihn hassen,
Bat, daß sein Gott der bösen Schar
Wollt ihre Sünd erlassen.
Vergib, vergib,
Sprach er aus Lieb,
O Vater, ihnen allen!
Ihr keiner ist,
Der säh und wüßt,
In was für Tat sie fallen.

Lehrt uns hiemit, wie schön es sei,
Die lieben, die uns kränken,
Und ihnen ohne Heuchelei
All ihre Fehler schenken.
Er zeigt zugleich,
Wie gnadenreich
Und fromm sei sein Gemüte,
Daß auch sein Feind,
Der's böse meint,
Bei ihm nichts find als Güte.

Drauf spricht er seine Mutter an,
Die bei Johanne stunde,
Tröst't sie am Kreuz, so gut er kann,
Mit seinem schwachen Munde:
Sieh hier dein Sohn!
Weib, der wird schon
Mein Amt bei dir verwalten.
Und, Jünger, sieh,
Hie stehet, die
Du sollst als Mutter halten.

Ach, treues Herz, so sorgest du
Für alle deine Frommen.
Du siehst und schauest fleißig zu,
Wie sie in Trübsal kommen,
Trittst auch mit Rat
und treuer Tat
Zu ihnen auf die Seiten;
Du bringst sie fort,
Gibst ihnen Ort
Und Raum bei guten Leuten.

Die dritte Red hast du getan
Dem, der dich, Herr, gebeten:
Gedenk und nimm dich meiner an,
Wenn du nun wirst eintreten
In deinen Thron
Und Ehr und Kron
Als Himmelsfürst aufsetzen!
Ich will gewiß
Im Paradies,
Sprachst du, dich heut ergötzen.

O süßes Wort, o Freudenstimm!
Was will uns nun erschrecken?
Laß gleich den Tod mit großem Grimm
Hergehn aus allen Ecken;
Stürmt er gleich sehr,
Was kann er mehr,
Als Leib und Seele scheiden?
Indessen schwing
Ich mich und spring
Ins Paradies der Freuden.

Nun wohl der Schächer wird mit Freud
Aus Christi Wort erfüllet,
Er aber selbst fängt an und schreit,
Gleich als ein Leue brüllet:
Eli, mein Gott!
Welch Angst und Not
Muß ich, dein Kind, ausstehen!
Ich ruf, und du
Schweigst still dazu,
Läß'st mich zu Grunde gehen.

Nimm dies zur Folge, frommes Kind,
Wann Gott sich grausam stellet,
Schau, daß du, wenn sich Trübsal find't,
Nicht werdest umgefället.
Halt steif und fest:
Der dich jetzt läßt,
Wird dich gar bald erfreuen,
Sei du nur treu
Und halt dabei
Stark an mit gläubgem Schreien.

Der Herr fährt fort, ruft laut und hell,
Klagt, wie ihn heftig dürste:
Mich dürstet, sprach der ewge Quell
Und edle Lebensfürste.
Was meint er hier?
Er zeiget dir,
Wie matt er sich getragen
An deiner Last,
Die du ihm hast
Gemacht in Sündentagen.

Er deutet auch darneben an,
Wie ihn so hoch verlange,
Daß dies sein Kreuz bei jedermann
Frucht bring und wohl verfange.
Das merk mit Fleiß,
Wer sich im Schweiß
Der Seelenangst muß quälen:
Das ewge Licht
Schleußt keinen nicht
Vom Teil und Heil der Seelen.

Als nun des Todes finstre Nacht
Begunnt hereinzudringen,
Sprach Gottes Sohn: Es ist vollbracht
Das, was ich soll vollbringen.
Was hier und dar
Die heilge Schar
Der Väter und Propheten
Hat aufgesetzt,
Wie man zuletzt
Mich kreuzgen würd und töten.

Ist's dann vollbracht, was willst du nun
Dich so vergeblich plagen,
Als müßt ein Mensch mit seinem Tun
Die Sündenschuld abtragen?
Es ist vollbracht!
Das nimm in Acht,
Du darfst hie nichts zu geben,
Als daß du gläubst
Und gläubig bleibst
In deinem ganzen Leben.

Nun endlich redt er noch einmal,
Schreit auf ohn alle Maßen:
Mein Vater, nimm in deinen Saal
Das, was ich jetzt muß lassen:
Nimm meinen Geist,
Der hier sich reißt
Aus meinem kalten Herzen!
Und hiermit wird
Der große Hirt
Entbunden aller Schmerzen.

O wollte Gott, daß ich mein End
Auch also möchte enden
Und meinen Geist in Gottes Händ
Und treuen Schoß hinsenden!
Ach laß, mein Hort,
Dein letztes Wort
Mein letztes Wort auch werden!
So werd ich schön
Und selig gehn
Zum Vater von der Erden.