Paul Gerhardt

Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebornen Sohn gab

(Joh. 3, 16)

Also hat Gott die Welt geliebt –
Das merke, wer es höret –
Die Welt, die Gott so hoch betrübt,
Hat Gott so hoch geehret,
Daß er den eingebornen Sohn,
Den eingen Schatz, die einge Kron,
Das einge Herz und Leben
Mit Willen hingegeben.

Ach wie muß doch ein einges Kind
Bei uns hier auf der Erden,
Da man doch nichts als Bosheit findt,
So hoch geschonet werden;
Wie hitzt, wie brennt der Vatersinn,
Wie gibt und schenkt er alles hin,
Eh als er an das Schenken
Des Eingen nur will denken!

Gott aber schenkt, aus freiem Mut
Und mildem treuem Herzen,
Sein einges Kind, sein schönstes Gut
In mehr als tausend Schmerzen;
Er gibt ihn in den Tod hinein,
Ja in die Höll und ewge Pein,
Zu unerhörtem Leide
Stößt Gott sein einge Freude!

Warum doch das? Daß du, o Welt,
Frei wieder möchtest stehen
Und durch ein teures Lösegeld
Aus deinem Kerker gehen;
Denn du weißt wohl, du schnöde Braut,
Wie, da dich Gott ihm anvertraut,
Du, wider deinen Orden,
Ihm allzu untreu worden.

Darüber hat dich Sünd und Tod
Und Satanas Gesellen
Zu bittrer Angst und harter Not
Beschlossen in der Höllen.
Und ist hier gar kein andrer Rat
Als der, den Gott gegeben hat;
Wer den hat, wird dem Haufen
Der höllschen Feind entlaufen.

Gott hat uns seinen Sohn verehrt,
Daß aller Menschen Wesen,
So mit dem ewgen Fluch beschwert,
Durch diesen soll genesen.
Wen die Verdammnis hat umschränkt,
Der soll durch den, den Gott geschenkt,
Erlösung, Trost und Gaben
Des ewgen Lebens haben.

Ach mein Gott, mein Lebens Grund,
Wo soll ich Worte finden?
Mit was für Lobe soll mein Mund
Dein treues Herz ergründen?
Wie ist dir immermehr geschehn?
Was hast du an der Welt ersehn,
Daß, die so hoch dich höhnet,
Du so gar hoch gekrönet?

Warum behieltst du nicht dein Recht
Und ließest ewig pressen
Diejenge, die dein Recht geschwächt
Und freventlich vergessen?
Was hattest du an der für Lust,
Von welcher dir doch war bewußt,
Daß sie für dein Verschonen
Dir schändlich würde lohnen?

Das Herz im Leibe weinet mir
Vor großem Leid und Grämen,
Wenn ich bedenke, wie wir dir
So gar schlecht uns bequemen.
Die meisten wollen deiner nicht,
Und was du ihnen zugericht
Durch deines Sohnes Büßen,
Das treten sie mit Füßen.

Du, frommer Vater, meinst es gut
Mit allen Menschenkindern,
Du ordnest deines Sohnes Blut
Und reichst es allen Sündern,
Willst, daß sie mit der Glaubenshand
Das, was du ihnen zugewandt,
Sich völlig zu erquicken,
Fest in ihr Herze drücken.

Sieh aber, ist nicht immerfort
Dir alle Welt zuwider?
Du bauest hier, du bauest dort,
Die Welt schlägt alles nieder.
Darum erlangt sie auch kein Heil,
Sie bleibt im Tod und hat kein Teil
Am Reiche, da die Frommen,
Die Gott gefolgt, hinkommen.

An dir, o Gott, ist keine Schuld,
Du, du hast nichts verschlafen:
Der Feind und Hasser deiner Huld
Ist Ursach deiner Strafen,
Weil er den Sohn, der ihm so klar
Und nah ans Herz gestellet war,
Auch einzig helfen sollte,
Durchaus nicht haben wollte.

So fahre hin, du tolle Schar!
Ich bleibe bei dem Sohne.
Dem geb ich mich, des bin ich gar,
Und er ist meine Krone.
Hab ich den Sohn, so hab ich gnug,
Sein Kreuz und Leiden ist mein Schmuck,
Sein Angst ist meine Freude,
Sein Sterben meine Weide.

Ich freue mich, so oft und viel
Ich dieses Sohns gedenke.
Dies ist mein Lied und Saitenspiel,
Wann ich mich heimlich kränke,
Wann meine Sünd und Missetat
Will größer sein als Gottes Gnad,
Und wann mir meinen Glauben
Mein eigen Herz will rauben.

Ei, sprech ich, war mein Gott geneigt,
Da wir noch Feinde waren,
So wird er ja, der kein Recht beugt,
Nicht feindlich mit mir fahren
Anitzo, da ich ihm versühnt,
Da, was ich Böses je verdient,
Sein Sohn, der nichts verschuldet,
So wohl für mich erduldet.

Fehlts hier und dar? Ei unverzagt!
Laß Sorg und Kummer schwinden!
Der mir das Größte nicht versagt,
Wird Rat zum Kleinern finden.
Hat Gott mir seinen Sohn geschenkt
Und für mich in den Tod gesenkt:
Wie sollt er, laßt uns denken,
Nicht alles mit ihm schenken!

Ich bins gewiß und sterbe drauf:
Nach meines Gottes Willen
Mein Kreuz und ganzer Lebenslauf
Wird sich noch fröhlich stillen.
Hier hab ich Gott und Gottes Sohn,
Und dort bei Gottes Stuhl und Thron:
Da wird fürwahr mein Leben
In ewgen Freuden schweben.