Paul Gerhardt

Abendsegen

Der Tag mit seinem Lichte
Fleucht hin und wird zunichte;
Die Nacht kommt angegangen,
Mit Ruhe zu umfangen
Den matten Erdenkreis.
Der Tag, der ist geendet,
Mein Herz zu dir sich wendet,
Der Tag und Nacht geschaffen
Zum Wachen und zum Schlafen,
Will singen deinen Preis.

Wohlauf, wohlauf, mein Psalter,
Erhebe den Erhalter,
Der mir an Leib und Seelen
Viel mehr, als ich kann zählen,
Hat heute Guts getan.
All Augenblick und Stunden
Hat sich gar viel gefunden,
Womit er sein Gemüte
Und unerschöpfte Güte
Mir klar gezeiget an.

Gleichwie des Hirten Freude,
Ein Schäflein an der Weide,
Sich unter seiner Treue
Ohn alle Furcht und Scheue
Ergetzet in dem Feld
Und sich mit Blumen füllet,
Den Durst mit Quellen stillet:
So hat mich heut geführet,
Mit manchem Gut gezieret
Der Hirt in aller Welt.

Gott hat mich nicht verlassen,
Ich aber hab ohn Maßen
Mich nicht gescheut, mit Sünden
Und Unrecht zu entzünden
Das treue Vaterherz.
Ach Vater, laß nicht brennen
Den Eifer, noch mich trennen
Von deiner Hand und Seiten:
Mein Tun und Überschreiten
Erweckt mir Reu und Schmerz.

Erhöre, Herr, mein Beten
Und laß mein Übertreten
Zur Rechten und zur Linken
Ins Meeres Tiefe sinken
Und ewig untergehn;
Laß aber, laß hergegen
Sich deine Engel legen
Um mich mit ihren Waffen!
Mit dir will ich entschlafen,
Mit dir auch auferstehn.

Darauf so laß ich nieder
Mein Haupt und Augenlider,
Will ruhen ohne Sorgen,
Bis daß der güldne Morgen
Mich wieder munter macht.
Dein Flügel wird mich decken,
So wird mich nicht erschrecken
Der Feind mit tausend Listen,
Der mich und alle Christen
Verfolget Tag und Nacht.

Ich lieg hier oder stehe,
Ich sitz auch oder gehe,
So bleib ich dir ergeben,
Und du bist auch mein Leben:
Das ist ein wahres Wort.
Was ich beginn und mache,
Ich schlaf ein oder wache,
Wohn ich als wie im Schlosse
In deinem Arm und Schoße,
Bin selig hier und dort.