Paul Gerhardt

Buß- und Trostlied

(Luc. 15)

Weg, mein Herz, mit den Gedanken,
Als ob du verstoßen wärst;
Bleib in Gottes Wort und Schranken,
Da du anders reden hörst.
Bist du bös und ungerecht,
Ei, so ist Gott fromm und schlecht;
Hast du Zorn und Tod verdienet,
Sinke nicht! Gott ist versühnet.

Du bist, wie die Menschen alle,
Angesteckt mit Sündengift,
Welches Adam mit dem Falle
Samt der Schlangen hat gestift't;
Aber so du kehrst zu Gott
Und dich besserst, hats nicht Not!
Set getrost! Gott wird dein Flehen
Und Abbitten nicht verschmähen.

Er ist ja kein Bär noch Leue,
Der sich nur nach Blute sehnt,
Sein Herz ist zu lauter Treue
Und zur Sanftmut angewöhnt.
Gott hat einen Vatersinn,
Unser Jammer jammert ihn,
Unser Unglück ist sein Schmerze,
Unser Sterben kränkt sein Herze.

»So wahrhaftig als ich lebe,
Will ich keines Menschen Tod,
Sondern, daß er sich ergebe
An mir aus dem Sündenkot.«
Gottes Freud ist, wenn auf Erd
Ein Verirrter wiederkehrt;
Will nicht, daß aus seiner Herde
Das Geringst entzogen werde.

Kein Hirt kann so fleißig gehen
Nach dem Schaf, das sich verläuft;
Sollst du Gottes Herze sehen,
Wie sich da der Kummer häuft,
Wie es dürstet, jächt und brennt
Nach dem, der sich abgewendt
Von ihm und auch von den Seinen,
Würdest du für Liebe weinen.

Gott, der liebt nicht nur die Frommen,
Die in seinem Hause seind,
Sondern auch die ihm genommen
Durch den grimmen Seelenfeind,
Der dort in der Hölle sitzt
Und der Menschen Herz erhitzt
Wider den, der, wenn sich reget
Sein Fuß, alle Welt beweget.

Dennoch bleibt in Liebesflammen
Sein Verlangen allzeit groß,
Ruft und locket uns zusammen
In den weiten Himmelsschoß;
Wer sich nun da stellet ein,
Suchet frei und los zu sein
Aus des Satans Reich und Rachen,
Der macht Gott und Engel lachen.

Gott und alles Heer hoch droben,
Dem der Himmel schweigen muß,
Wenn sie ihren Schöpfer loben,
Jauchzen über unsre Buß.
Aber was gesündigt ist,
Das verdeckt er, und vergißt,
Wie wir ihn beleidigt haben;
Alles, Alles ist vergraben.

Kein See kann sich so ergießen,
Kein Grund mag so grundlos sein,
Kein Strom so gewaltig fließen,
Gegen Gott ist alles klein,
Gegen Gott und seine Huld,
Die er über unsre Schuld
Alle Tage lässet schweben
Durch das ganze Sündenleben.

Nun, so ruh und sei zufrieden,
Seele, die du traurig bist,
Was willst du dich viel ermüden,
Da es nicht vonnöten ist.
Deiner Sünden großes Meer,
Wie dirs scheinet, ist nicht mehr
(Gegen Gottes Herz zu sagen)
Als was wir mit Fingern tragen.

Wären tausend Welt zu finden,
Von dem Höchsten zugericht't,
Und du hättest alle Sünden,
Die darinnen sind, verricht't,
Wär es viel; doch lange nicht
So viel, daß das volle Licht
Seiner Gnaden hier auf Erden
Dadurch könnt erlöschet werden.

Mein Gott, öffne mir die Pforten
Solcher Gnad und Gütigkeit,
Laß mich allzeit aller Orten
Schmecken deine Süßigkeit;
Liebe mich und treib mich an,
Daß ich dich, so gut ich kann,
Wiederum umfang und liebe
Und ja nun nicht mehr betrübe!