Paul Gerhardt

Herr, aller Weisheit Quell und Grund

(in Anlehnung an Sprüche Sal. 7-9)
Nach Johann Arnds »Paradiesgärtlein«, Goslar 1621, I, 14

Herr, aller Weisheit Quell und Grund,
Dir ist all mein Vermögen kund,
Wo du nicht hilfst und deine Gunst,
Ist all mein Tun und Werk umsunst.

Ich leider als ein Sündenkind
Bin von Natur zum Guten blind,
Mein Herze, wann dirs dienen soll,
Ist ungeschickt und Torheit voll.

Ja, Herr, ich bin gar viel zu schlecht,
Zu handeln dein Gesetz und Recht,
Was meinem Nächsten nütz im Land,
Ist mir verdeckt und unbekannt.

Mein Leben ist sehr kurz und schwach,
Ein Lüftlein, das bald lässet nach;
Was in der Welt zu prangen pflegt,
Das ist mir wenig beigelegt.

Wann ich auch gleich vollkommen wär,
Hätt aller Gaben Ruhm und Ehr
Und sollt entraten deines Lichts,
So wär ich doch ein lauter Nichts.

Was hilfts, wann einer gleich viel weiß,
Und hat zuvorderst nicht mit Fleiß
Gelernet deine Furcht und Dienst,
Der hat mehr schaden als Gewinst.

Das Wissen, das ein Mensche führt,
Wird leichthin in ihm selbst verirrt;
Wann unsre Kunst am meisten kann,
So stößt sie aller Enden an.

Wie mancher stürzet seine Seel
Durch Klugheit, wie Ahitophel,
Und nimmt, weil er dich nicht recht kennt,
Durch seinen Witz ein schrecklich End!

O Gott, mein Vater, kehre dich
Zu meiner Bitt und höre mich:
Nimm solche Torheit von mir hin
Und gib mir einen bessern Sinn!

Gib mir die Weisheit, die du liebst
Und denen, die dich lieben, gibst,
Die Weisheit, die vor deinem Thron
Allstets erscheint in ihrer Kron.

Ich lieb ihr liebes Angesicht,
Sie ist meins Herzens Freud und Licht,
Sie ist die Schönste, die mich hält
Und meinen Augen wohlgefällt.

Sie ist hochedel, auserkorn,
Von dir, o Höchster, selbst geborn,
Sie ist der hellen Sonnen gleich,
An Tugend und an Gaben reich.

Ihr Mund ist süß und tröstet schön,
Wenn uns die Augen übergehn;
Wenn uns der Kummer niederdrückt,
So ist sies, die das Herz erquickt.

Sie ist voll Ehr und Herrlichkeit,
Bewehrt vorm Tod und großem Leid;
Wer fleißig um sie kämpft und wirbt,
Der bleibet lebend, wenn er stirbt.

Sie ist des Schöpfers nächster Rat,
Von Worten mächtig und von Tat;
Durch sie erfährt die blinde Welt,
Was Gott gedenkt in seinem Zelt.

Denn welcher Mensch weiß Gottes Rat?
Wer ists, der je erfunden hat
Den Schluß, den er im Himmel schleußt,
Den Weg, den er uns laufen heißt?

Die Seele wohnet in der Erd
Und wird durch ihre Last beschwert;
Die Sinnen, hin und her zerstreut,
Sind ja von Irrtum nicht befreit.

Wer will erforschen, was Gott setzt,
Und sagen, was sein Herz ergötzt?
Es sei denn, der du ewig lebst,
Daß du uns deine Weisheit gebst.

Drum sende sie von deinem Thron
Und gib sie deinem Kind und Sohn!
Ach, schütt und geuß sie reichlich aus
In meines Herzens armes Haus!

Befiehl ihr, daß sie mit mir sei
Und, wo ich gehe, stehe bei;
Bin ich in Arbeit, helfe sie
Mir tragen meine schwere Müh!

Gib mir durch ihre weise Hand
Die recht Erkenntnis und Verstand,
Daß ich an dir alleine kleb
Und nur nach deinem Willen leb!

Gib mir durch sie Geschicklichkeit,
Zur Wahrheit laß mich sein bereit,
Daß ich nicht mach aus sauer süß,
Noch aus dem Lichte Finsternis!

Gib Lieb und Lust zu deinem Wort,
Hilf, daß ich bleib an meinem Ort
Und mich zur frommen Schar gesell,
In ihrem Rat mein Wesen stell!

Gib auch, daß ich gern jedermann
Mit Rat und Tat, so gut ich kann,
Aus rechter unverfälschter Treu
Zu helfen allzeit willig sei,

Auf daß in allem, was ich tu,
In deiner Lieb ich nehme zu;
Denn wer sich nicht der Weisheit gibt,
Der bleibt von dir auch ungeliebt.