Paul Gerhardt

Du bist ein Mensch, das weißt du wohl

Du bist ein Mensch, das weißt du wohl,
Was strebst du denn nach Dingen,
Die Gott, der Höchst, alleine soll
Und kann zu Werke bringen?
Du fährst mit deinem Witz und Sinn
Durch so viel tausend Sorgen hin
Und denkst: wie wills auf Erden
Doch endlich mit mir werden?

Es ist umsonst. Du wirst fürwahr
Mit allem deinem Dichten
Auch nicht ein einzges kleinstes Haar
In aller Welt ausrichten,
Und dient dein Gram sonst nirgend zu,
Als daß du dich aus deiner Ruh
In Angst und Schmerzen stürzest
Und selbst das Leben kürzest.

Willst du was tun, was Gott gefällt
Und dir zum Heil gedeihet,
So wirf dein Sorgen auf den Held,
Den Erd und Himmel scheuet,
Und gib dein Leben, Tun und Stand
Nur fröhlich hin in Gottes Hand,
So wird er deinen Sachen
Ein fröhlich Ende machen.

Wer, hat gesorgt, da deine Seel
Im Anfang deiner Tage
Noch in der Mutterleibeshöhl
Und finsterm Kerker lage?
Wer hat allda dein Heil bedacht?
Was tat da aller Menschen Macht,
Da Geist und Sinn und Leben
Dir ward ins Herz gegeben?

Durch wessen Kunst steht dein Gebein
In ordentlicher Fülle?
Wer gab den Augen Licht und Schein,
Dem Leibe Haut und Hülle?
Wer zog die Adern hie und dort
Ein jed an ihre Stell und Ort?
Wer setzte hin und wieder
So viel und schöne Glieder?

Wo war dein Herz, Will und Verstand,
Da sich des Himmels Decken
Erstreckten über See und Land
Und aller Erden Ecken?
Wer brachte Sonn und Mond herfür?
Wer machte Kräuter, Bäum und Tier
Und hieß sie deinen Willen
Und Herzenslust erfüllen?

Heb auf dein Haupt, schau überall
Hier unten und dort oben,
Wie Gottes Sorg auf allen Fall
Vor dir sich hab erhoben:
Dein Brot, dein Wasser und dein Kleid
War eher noch als du bereit,
Die Milch, die du erst nahmest,
War auch schon, da du kamest.

Die Windeln, die dich allgemach
Umfingen in der Wiegen,
Dein Bettlein, Kammer, Stub und Dach
Und wo du solltest liegen,
Das war ja alles zugericht't,
Eh als dein Aug und Angesicht
Eröffnet ward und sahe,
Was in der Welt geschahe.

Noch dennoch soll dein Angesicht
Dein ganzes Leben führen;
Du traust und glaubest weiter nicht,
Als was dein Augen spüren;
Was du beginnst, da soll allein
Dein Kopf dein Licht und Meister sein,
Was der nicht auserkoren,
Das hältst du als verloren.

Nun siehe doch, wie viel und oft
Ist schändlich umgeschlagen,
Was du gewiß und fest gehofft
Mit Händen zu erjagen.
Hingegen, wie so manchesmal
Ist das geschehn, das überall
Kein Mensch, kein Rat, kein Sinnen
Ihm hat ersinnen können!

Wie oft bist du in große Not
Durch eignen Willen kommen,
Da dein verblendter Sinn den Tod
Fürs Leben angenommen;
Und hätte Gott dein Werk und Tat
Ergehen lassen nach dem Rat,
In dem dus angefangen,
Du wärst zugrunde gangen.

Der aber, der uns ewig liebt,
Macht gut, was wir verwirren,
Erfreut, wo wir uns selbst betrübt,
Und führt uns, wo wir irren;
Und dazu treibt ihn sein Gemüt
Und die so reine Vatergüt,
In der uns arme Sünder
Er trägt als seine Kinder.

Ach, wie so oftmals schweigt er still
Und tut doch, was uns nützet,
Da unterdessen unser Will
Und Herz in Ängsten sitzet,
Sucht hier und da und findet nichts,
Will sehn und mangelt doch des Lichts,
Will aus der Angst sich winden
Und kann den Weg nicht finden.

Gott aber geht gerade fort
Auf seinen weisen Wegen,
Er geht und bringt uns an den Ort,
Da Wind und Sturm sich legen.
Hernachmals, wann das Werk geschehn,
So kann alsdann der Mensche sehn,
Was der, so ihn regieret,
In seinem Rat geführet.

Drum, liebes Herz, sei wohlgemut
Und laß von Sorg und Grämen!
Gott hat ein Herz, das nimmer ruht,
Dein Bestes fürzunehmen.
Er kanns nicht lassen, glaube mir,
Sein Eingeweid ist gegen dir
Und uns hier allzusammen
Voll allzu süßer Flammen.

Er hitzt und brennt für Gnad und Treu,
Und also kannst du denken,
Wie seinem Mut zu Mute sei,
Wenn wir uns oftmals kränken
Mit so vergebner Sorgenbürd,
Als ob er uns nun gänzlich würd
Aus lauter Zorn und Hassen
Ganz hilf- und trostlos lassen.

Das schlag hinweg und laß dich nicht
So liederlich betören;
Obgleich nicht allzeit das geschicht,
Was Freude kann vermehren,
So wird doch wahrlich das geschehn,
Was Gott dein Vater ausersehn;
Was er dir zu will kehren,
Das wird kein Mensche wehren.

Tu als sein Kind und lege dich
In deines Vaters Arme,
Bitt ihn und flehe, bis er sich
Dein, wie er pflegt, erbarme:
So wird er dich durch seinen Geist
Auf Wegen, die du jetzt nicht weißt,
Nach wohlgehaltnem Ringen
Aus allen Sorgen bringen.