Paul Gerhardt

Ach treuer Gott, barmherzigs Herz

Nach Johann Arnds »Paradiesgärtlein« III, 27

Ach treuer Gott, barmherzigs Herz,
Des Güte sich nicht endet,
Ich weiß, daß mir dies Kreuz und Schmerz
Dein Vaterhand zusendet.
Ja, Herr, ich weiß, daß diese Last
Du mir aus Lieb erteilet hast
Und gar aus keinem Hasse.

Denn das ist allzeit dein Gebrauch:
Wer Kind ist, muß was leiden;
Und wen du liebst, den stäupst du auch,
Schickst Trauern vor den Freuden,
Führst uns zur Höllen, tust uns weh
Und führst uns wieder in die Höh,
Und so geht eins ums ander.

Du führst ja wohl recht wunderlich
Die, so dein Herz ergötzen:
Was leben soll, muß erstlich sich
Ins Todes Höhle setzen;
Was steigen soll zur Ehr empor,
Liegt auf der Erd und muß sich vor
Im Kot und Staube wälzen.

Das hat, Herr, dein geliebter Sohn
Selbst wohl erfahrn auf Erden;
Denn eh er kam zum Ehrenthron,
Mußt er gekreuzigt werden.
Er ging durch Trübsal, Angst und Not,
Ja durch den herben bittern Tod
Drang er zur Himmelsfreude.

Hat nun dein Sohn, der fromm und recht,
So willig sich ergeben,
Was will ich armer Sündenknecht
Dir viel zuwider streben?
Er ist der Spiegel der Geduld,
Und wer sich sehnt nach seiner Huld,
Der muß ihm endlich werden.

Ach, liebster Vater, wie so schwer
Ists der Vernunft, zu glauben,
Daß du demselben, den du sehr
Schlägst, solltest günstig bleiben!
Wie macht doch Kreuz so lange Zeit!
Wie schwerlich will sich Lieb und Leid
Zusammen lassen reimen!

Was ich nicht kann, das gib du mir,
O höchstes Gut der Frommen!
Gib, daß mir nicht des Glaubens Zier
Durch Trübsal werd entnommen!
Erhalte mich, o starker Hort!
Befestge mich in deinem Wort,
Behüte mich vor Murren!

Bin ich ja schwach, laß deine Treu
Mir an die Seite treten,
Hilf, daß ich unverdrossen sei
Zum Rufen, Seufzen, Beten!
So lang ein Herze hofft und gläubt
Und im Gebet beständig bleibt,
So lang ists unbezwungen.

Greif mich auch nicht zu heftig an,
Damit ich nicht vergehe!
Du weißt wohl, was ich tragen kann,
Wies um mein Leben stehe;
Ich bin ja weder Stahl noch Stein:
Wie balde geht ein Wind herein,
So fall ich hin und sterbe.

Ach Jesu, der du worden bist
Mein Heil mit deinem Blute,
Du weißt gar wohl, was Kreuze ist
Und wie dem sei zu Mute,
Den Kreuz und großes Unglück plagt;
Drum wirst du, was mein Herze klagt,
Gar gern zu Herzen fassen.

Ich weiß, du wirst in deinem Sinn
Mit mir Mitleiden haben
Und mich, wie ichs jetzt dürftig bin,
Mit Gnad und Hilfe laben.
Ach stärke meine schwache Hand,
Ach heil und bring in bessern Stand
Das Straucheln meiner Füße!

Sprich meiner Seel ein Herze zu
Und tröste mich aufs beste,
Denn du bist ja der Müden Ruh,
Der Schwachen Turm und Feste,
Ein Schatten für der Sonnen Hitz,
Ein Hütte, da ich sicher sitz
In Sturm und Ungewitter.

Und weil ich ja nach deinem Rat
Hie soll ein wenig leiden,
So laß mich auch in deiner Gnad
Als wie ein Schäflein weiden,
Daß ich im Glauben die Geduld
Und durch Geduld die edle Huld
Nach schwerer Prob erhalte.

O heilger Geist, du Freudenöl,
Das Gott vom Himmel schicket,
Erfreue mich, gib meiner Seel
Was Mark und Bein erquicket!
Du bist der Geist der Herrlichkeit,
Weißt, was für Freud und Seligkeit
Mein in dem Himmel warte.

Ach laß mich schauen, wie so schön
Und lieblich sei das Leben,
Das denen, die durch Trübsal gehn,
Du dermaleinst wirst geben.
Ein Leben, gegen welches hier
Die ganze Welt mit ihrer Zier
Durchaus nicht zu vergleichen.

Daselbst wirst du in ewger Lust
Aufs süß'ste mit mir handeln:
Mein Kreuz, das dir und mir bewußt,
In Freud und Ehre wandeln;
Da wird mein Weinen lauter Wein,
Mein Ächzen lauter Jauchzen sein!
Das glaub ich. Hilf mir! Amen.