Paul Gerhardt

Der 73. Psalm

Sei wohlgemut, o Christenseel,
Im Hochmut deiner Feinde;
Es hat das rechte Israel
Noch dennoch Gott zum Freunde,
Wer glaubt und hofft, der wird geliebt
Von dem, der unsern Herzen gibt
Trost, Friede, Freud und Leben.

Zwar tut es weh und ärgert sehr,
Wenn man vor Augen siehet,
Wie dieser Welt gottloses Heer
So schön und herrlich blühet;
Sie sind in keiner Todesfahr,
Erleben hier so manches Jahr
Und stehen wie Paläste.

Sie haben Glück und wissen nicht,
Wie Armen sei zu Mute;
Gold ist ihr Gott, Geld ist ihr Licht.
Sind stolz bei großem Gute;
Sie reden hoch, und das gilt schlecht:
Was andre sagen, ist nicht recht,
Es ist ihn'n viel zu wenig.

Des Pöbelvolks unweiser Hauf
Ist auch auf Ihrer Seite;
Sie sperren Maul und Nasen auf
Und sprechen: Das sind Leute!
Das sind ohn allen Zweifel die,
Die Gott vor allen andern hie
Zu Kindern auserkoren.

Was sollte doch der große Gott
Nach jenen andern fragen,
Die sich mit Armut, Kreuz und Not
Bis in die Grube tragen?
Wem hier des Glückes Gunst und Schein
Nicht leuchtet, kann kein Christe sein,
Er ist gewiß verstoßen.

Solls denn, mein Gott, vergebens sein
Daß dich mein Herze liebet?
Ich liebe dich und leide Pein,
Bin dein und doch betrübet.
Ich hätte bald auch so gedacht
Wie jene Rotte, die nichts acht't
Als was vor Augen pranget.

Sieh aber, sieh, in solchem Sinn
Wär ich zu weit gekommen,
Ich hätte bloß verdammt dahin
Die ganze Schar der Frommen;
Denn hat auch je einmal gelebt
Ein frommer Mensch, der nicht geschwebt
In großem Kreuz und Leiden?

Ich dachte hin, ich dachte her,
Ob ich es möcht ergründen,
Es war mir aber viel zu schwer,
Den rechten Schluß zu finden,
Bis daß ich ging ins Heiligtum
Und merkte, wie du, unser Ruhm,
Die Bösen führst zu Ende.

Ihr Gang ist schlüpfrig, glatt ihr Pfad,
Ihr Tritt ist ungewisse;
Du suchst sie heim nach ihrer Tat
Und stürzest ihre Füße.
Im Hui ist alles umgewendt,
Da nehmen sie ein plötzlich End
Und fahren hin mit Schrecken.

Heut grünen sie gleich wie ein Baum,
Ihr Herz ist froh und lachet,
Und morgen sind sie wie ein Traum,
Von dem der Mensch aufwachet,
Ein bloßer Schatt, ein totes Bild,
Das weder Hand noch Augen füllt,
Verschwindt im Augenblicke.

Es mag drum sein; es wäre gleich
Mein Kreuz so lang ich lebe,
Ich habe gnug am Himmelreich,
Dahin ich täglich strebe.
Hält mich die Welt gleich als ein Tier,
Ei, lebst du, Gott, doch über mir,
Du bist mein Ehr und Krone.

Du heilest meines Herzens Stich
Mit deiner süßen Liebe
Und wehrst dem Unglück, daß es mich
Nicht allzu hoch betrübe;
Du leitest mich mit deiner Hand
Und wirst mich endlich in den Stand
Der rechten Ehren setzen.

Wenn ich nur dich, o starker Held,
Behalt in meinem Leide,
So acht ichs nicht, wenn gleich zerfällt
Das große Weltgebäude.
Du bist mein Himmel, und dein Schoß
Bleibt allezeit mein Burg und Schloß,
Wann diese Erd entweichet.

Wann mir gleich Leib und Seel verschmacht,
So kann ich doch nicht sterben,
Denn du bist meines Lebens Macht
Und läßt mich nicht verderben.
Was frag ich nach dem Erb und Teil
Auf dieser Welt? Du, du, mein Heil,
Du bist mein Teil und Erbe.

Das kann die gottvergessne Rott
Mit Wahrheit nimmer sagen;
Sie weicht von dir und wird zum Spott,
Verdirbt in großen Plagen.
Mir aber ists, wie dir bewußt,
Die größte Freud und höchste Lust,
Daß ich mich zu dir halte.

So will ich nun die Zuversicht
Auf dich beständig setzen,
Er werde mich dein Angesicht
Zu rechter Zeit ergötzen.
Indessen will ich stille ruhn
Und deiner weisen Hände Tun
Mit meinem Munde preisen.