Paul Gerhardt

Herr, was hast du im Sinn?

Gedichtet auf die Erscheinung des Kometen von 1664 (nicht 1652, vgl. P. Anm. 378)

Herr, was hast du im Sinn?
Wo denkt dein Eifer hin?
Von was für neuen Plagen
Soll uns der Himmel sagen?
Was soll uns armen Leuten
Der neue Stern bedeuten?

Die Zeichen in der Höh
Erwecken Ach und Weh,
Es hats in nächsten Jahren
Die ganze Welt erfahren:
Die brennenden Kometen
Sind traurige Propheten.

Sie brennen in der Luft,
Und unsers Herzens Kluft
Ist blind und kalt zum Guten,
Erkennet nicht die Ruten,
Die uns zu unsern Wunden
Des höchsten Hand gebunden.

Kein Mensche hört fast mehr,
Was Gottes Geist uns lehr
In seinen heilgen Worten;
Drum muß an so viel Orten
Von großem Zorn und Dräuen
Das Sternenland selbst schreien.

Die Welt hält keine Zucht,
Der Glaub ist in der Flucht,
Die Treu ist hart gebunden,
Die Wahrheit ist verschwunden
Barmherzig sein und lieben,
Das sieht man selten üben.

Daher wächst Gottes Grimm
Und dringt mit Ungestüm
Aus seines Eifers Kammer
Und will mit großem Jammer,
Wo wir uns nicht bekehren,
Uns allesamt verheeren.

Und das will der Prophet,
Der in der Luft da steht,
Uns, die wir sicher leben,
Klar zu verstehen geben
Mit seinem hellen Lichte
Und klarem Angesichte.

Sein Lauf ist gar geschwind.
Ach, Gott, laß unsre Sünd
Uns nicht geschwind hinrücken
Und eilends unterdrücken;
Laß uns der Strafen Haufen
Nicht plötzlich überlaufen!

Sein Strahl ist breit und lang,
Macht uns fast angst und bang,
Ach, Jesu, hilf uns allen,
Auf das nicht auf uns fallen
Die hochbetrübten Zahlen
Der letzten Zornesschalen.

Erhalt uns unsern Herrn,
Den schönen edlen Stern,
Laß uns sein Licht beleuchten,
Laß seinen Tau uns feuchten,
Daß wir uns seiner freuen
Und unter ihm gedeihen.

Laß auch noch immerfort
Dein liebes wertes Wort
In unserm Land und Grenzen
Schön rein und helle glänzen;
Wenn dein Wort uns nur blicket,
So sind wir gnug erquicket.

Gedenk an deine Güt
Und laß doch dein Gemüt
Erweichen von uns Armen!
Regier uns mit Erbarmen,
Damit die bösen Zeichen
Ein gutes End erreichen!