Paul Gerhardt

Der 30. Psalm

Ich preise dich und singe,
Herr, deine Wundergnad,
Die mir so große Dinge
Bisher erwiesen hat;
Denn das ist meine Pflicht,
In meinem ganzen Leben
Dir Lob und Dank zu geben,
Mehr hab und kann ich nicht.

Du hast mein Herz erhöhet
Aus mancher tiefen Not,
Den aber, der da gehet
Und suchet meinen Tod
Und tut mir Herzleid an,
Den hast du weggeschlagen,
Daß er sich meiner Plagen
Mit nicht erfreuen kann.

Herr, mein Gott, da ich Kranker
Vom Bette zu dir schrei,
Da ward mein Heil mein Anker
Und stund mir treulich bei;
Da andre fuhren hin
Zur finstern Todeshöhle,
Da hieltst du meine Seele
Und mich noch, wo ich bin.

Ihr Heiligen, lobsinget
Und danket eurem Herrn,
Der, wenn die Not herdringet,
Bald hört und herzlich gern
Uns Gnad und Hilfe gibt;
Rühmt den, des Hand uns träget
Und, wenn er uns ja schläget,
Nicht allzusehr betrübt.

Gott hat ja Vaterhände
Und strafet mit Geduld,
Sein Zorn nimmt bald ein Ende,
Sein Herz ist voller Huld
Und gönnt uns lauter Guts.
Den Abend währt das Weinen,
Des Morgens macht das Scheinen
Der Sonn uns gutes Muts.

Ich sprach zur guten Stunde,
Da mirs noch wohl erging:
Ich steh auf festem Grunde,
Acht alles Kreuz gering;
Ich werde nimmermehr,
Das weiß ich, niederliegen;
Denn Gott der kann nicht trügen,
Der liebt mich gar zu sehr.

Als aber dein Gesichte,
Ach Gott, sich von mir wandt,
Da war mein Trost zunichte,
Da lag mein Heldenstand;
Es war mir angst und bang,
Ich führte schwere Klagen
Mit Zittern und mit Zagen:
Herr, mein Gott, wie so lang?

Hast du dir vorgenommen,
Mein ewger Feind zu sein?
Was werden dir denn frommen
Die ausgedorrten Bein
Und der elende Staub,
Zu welchem in der Erden
Wir werden, wenn wir werden
Des blassen Todes Raub?

So lang ichs Leben habe,
Lobsing ich deiner Ehr,
Dort aber in dem Grabe,
Gedenk ich dein nicht mehr;
Drum eil und hilf mir auf
Und gib mir Kraft und Leben;
Dafür will ich dir geben
Meins ganzen Lebens Lauf.

Nun wohl, ich bin erhöret,
Mein Seufzen ist erfüllt,
Mein Kreuz ist umgekehret,
Mein Herzleid ist gestillt,
Mein Grämen hat ein End;
Es ist von meinem Herzen
Der bittern Sorgen Schmerzen
Durch dich, Herr, abgewendt.

Du hast mit mir gehandelt
Noch besser, als ich will;
Mein Klagen ist verwandelt
In eines Reigens Spiel,
Und für das Trauerkleid,
In dem ich vor gestöhnet,
Da hast du mich gekrönet
Mit süßer Lust und Freud.

Auf daß zu deiner Ehre
Mein Ehre sich erhüb
Und nimmer stille wäre,
Bis daß ich deine Lieb
Und ungezählte Zahl
Der großen Wunderdinge
Mit ewgen Freuden singe
Im güldnen Himmelssaal.