Paul Gerhardt

Der 145. Psalm

Ich, der ich oft in tiefes Leid
Und große Not muß gehen,
Will dennoch Gott mit großer Freud
Und Herzenslust erhöhen.
Mein Gott, du König, höre mich,
Ich will ohn alles Ende dich
Und deinen Namen loben.

Ich will dir mit der Morgenröt
Ein täglich Opfer bringen,
So oft die liebe Sonn aufgeht,
So ofte will ich singen
Dem großen Namen deiner Macht,
Das soll auch in der späten Nacht
Mein Werk sein und Geschäfte.

Die Welt, die deucht uns schön und groß
Und was für Gut und Gaben
Sie trägt in ihrem Arm und Schoß,
Das will ein jeder haben:
Und ist doch alles lauter Nichts;
Eh als mans recht genießt, zerbrichts
Und geht im Hui zugrunde.

Gott ist alleine groß und schön,
Unmöglich auszuloben
Auch denen, die doch allzeit stehn
Vor seinem Throne droben.
Laß sprechen, wer nur sprechen kann,
Doch wird kein Engel noch kein Mann
Des Höchsten Größ aussprechen.

Die Alten, die nun nicht mehr sind,
Die haben ihn gepreiset;
So hat ein jeder auch sein Kind
Zu solchem Dienst geweiset;
Die Kinder werden auch nicht ruhn
Und werden doch, o Gott, dein Tun
Und Werk nicht ganz auspreisen.

Wie mancher hat vor mir dein Heil
Und Lob mit Fleiß getrieben;
Und siehe, mir ist doch mein Teil
Zu loben übrig blieben.
Ich will von deiner Wundermacht
Und der so herrlich schönen Pracht
Bis an mein Ende reden.

Und was ich rede, wird von mir
Manch frommes Herze lernen,
Man wird dich heben für und für
Hoch über allen Sternen;
Dein Herrlichkeit und starke Hand
Wird in der ganzen Welt bekannt
Und hoch berufen werden.

Wer ist so gnädig als wie du?
Wer kann so viel erdulden?
Wer sieht mit solcher Langmut zu
So vielen schweren Schulden,
Die aus der ganzen weiten Welt
Ohn Unterlaß bis an das Zelt
Des hohen Himmels steigen?

Es muß ein treues Herze sein,
Das uns so hoch kann lieben,
Da wir doch in den Tag hinein,
Was gar nicht gut ist, üben.
Gott muß nichts anders sein als gut,
Daher fließt seiner Güte Flut
Auf alle seine Werke.

Drum, Herr, so sollen dir auch nun
All deine Werke danken,
Voraus die Heilgen, deren Tun
Sich hält in deinen Schranken,
Die sollen deines Reichs Gewalt
Und schöne Regimentsgestalt
Mit vollem Munde rühmen.

Sie sollen rühmen, daß der Ruhm
Durch alle Welt erklinge,
Daß jedermann zum Heiligtum
Dir Dienst und Opfer bringe;
Dein Reich, das ist ein ewges Reich,
Dein Herrschaft ist dir selber gleich,
Der du kein End erreichest.

Der Herr ist bis in unsern Tod
Beständig bei uns allen,
Erleichtert unsers Kreuzes Not
Und hält uns, wenn wir fallen;
Er steuert manches Unglücks Lauf
Und hilft uns wieder freundlich auf,
Wenn wir ganz hingeschlagen.

Herr, aller Augen sind nach dir
Und deinem Stuhl gekehret;
Denn du bists auch, der alles hier
So väterlich ernähret;
Du tust auf deine milde Hand,
Machst froh und satt, was auf dem Land,
Im Meer und Lüften lebet.

Du meinst es gut und tust uns Guts,
Auch da wirs oft nicht denken,
Wie mancher ist betrübtes Muts
Und frißt sein Herz mit Kränken,
Besorgt und fürcht sich Tag und Nacht,
Gott hab ihn gänzlich aus der Acht
Gelassen und vergessen.

Nein, Gott vergißt der Seinen nicht,
Er ist uns viel zu treue,
Sein Herz ist stets dahin gericht,
Daß er uns letzt erfreue.
Gehts gleich bisweilen etwas schlecht,
Ist er doch heilig und gerecht
In allen seinen Wegen.

Der Herr ist nah und stets bereit
Eim jeden, der ihn ehret,
Und wer nur ernstlich zu ihm schreit,
Der wird gewiß erhöret.
Gott weiß wohl, wer ihm günstig sei,
Und deme steht er dann auch bei,
Wann ihn die Angst nun treibet.

Den Frommen wird nichts abgesagt;
Gott tut, was sie begehren,
Er mißt das Unglück, das sie plagt,
Und zählt all ihre Zähren
Und reißt sie endlich aus der Last;
Den aber, der sie kränkt und haßt,
Den stürzt er ganz zu Boden.

Dies alles und was sonsten mehr
Man kann für Lob erzwingen,
Das soll mein Mund zu Ruhm und Ehr
Des Höchsten täglich singen:
Und also tut auch immerfort
Was lebt und webt an jedem Ort:
Das wird Gott wohlgefallen.