Paul Gerhardt

Der 39. Psalm

Mein Gott ich habe mir
Gar fest gesetzet für,
Ich will mich fleißig hüten,
Wenn meine Feinde wüten,
Daß, wenn ich ja was spreche,
Ich dein Gesetz nicht breche.

Wenn mein Geblüt entbrennt,
So hab ich mich gewöhnt,
Vor deinen Stuhl zu treten,
Laß Herz und Zunge beten;
Herr, zeige deinem Knechte,
Zu tun nach deinem Rechte.

Herr, lehre mich doch wohl
Bedenken, daß ich soll
Einmal von dieser Erden
Hinweg geraffet werden,
Und daß mir deine Hände
Gesetzet Zeit und Ende.

Die Tage meiner Zeit
Sind eine Hande breit,
Und wenn man dies mein Bleiben
Soll recht und wohl beschreiben,
So ists ein Nichts und bleibet
Ein Stäublein, das zerstäubet.

Ach, wie so gar nichts wert
Sind Menschen auf der Erd,
Die doch so sicher leben
Und gar nicht Acht drauf geben,
Daß all ihr Tun und Glücke
Verschwind im Augenblicke.

Sie gehen in der Welt
Und suchen Gut und Geld,
Der Schatten einen Schemen!
Und können nichts mitnehmen,
Wenn nach der Menschen Weise
Sie tun des Todes Reise.

Sie schlafen ohne Ruh,
Arbeiten immerzu,
Sind Tag und Nacht geflissen,
Und können doch nicht wissen,
Wer, wenn sie niederliegen,
Ihr Erbe werde kriegen.

Nun, Herr, wo soll ich hin?
Wer tröstet meinen Sinn?
Ich komm an deine Pforten,
Der du mit Werk und Worten
Erfreuest, die dich scheuen
Und dein allein sich freuen.

Wenn sich mein Feind erregt
Und mir viel Dampfs anlegt,
So will ich stille schweigen,
Mein Herz zur Ruhe neigen;
Du Richter aller Sachen,
Du kannst und wirsts wohl machen.

Wenn du dein Hand ausstreckst,
Des Menschen Herz erschreckst,
Wenn du die Sünd heimsuchest,
Den Sünder schiltst und fluchest:
So geht in einer Stunde
All Herrlichkeit zugrunde.

Der schönen Jugend Kranz,
Der roten Wangen Glanz
Wird wie ein Kleid verzehret,
So hier die Motten nähret.
Ach, wie gar nichts im Leben
Sind die auf Erden schweben!

Du aber, du mein Hort,
Du bleibest fort und fort
Mein Helfer, siehst mein Sehnen,
Mein Angst und heiße Tränen,
Erhörest meine Bitte,
Wenn ich mein Herz ausschütte.

Drum ruhet mein Gemüt
Allein auf deiner Güt;
Ich laß dein Herze sorgen,
Als deme nicht verborgen,
Wie meiner Feinde Tücke
Du treiben sollst zurücke.

Ich bin dein Knecht und Kind,
Dein Erb und Hausgesind,
Dein Pilgrim und dein Bürger,
Der, wenn der Menschenwürger
Mein Leben mir genommen,
Zu dir gewiß wird kommen.

Zur Welt muß ich hinaus,
Der Himmel ist mein Haus,
Da in den Engelscharen
Mein Eltern und Vorfahren,
Auch Schwestern, Freund und Brüder
Jetzt singen ihre Lieder.

Hie ist nur Qual und Pein,
Dort, dort wird Freude sein!
Dahin, wenn es dein Wille,
Ich fröhlich, sanft und stille
Aus diesen Jammerjahren
Zur Ruhe will abfahren.