Paul Gerhardt

Mein herzer Vater, weint ihr noch?

Auf den Tod eines Kindes des Rektors Adam Spengler (1650)

Mein herzer Vater, weint ihr noch?
Und ihr, die mich geboren?
Was grämt ihr euch? Was macht ihr doch?
Ich bin ja unverloren.
Ach, sollt ihr sehen, wie mirs geht,
Und wie mich der so hoch erhöht,
Der selbst so hoch erhoben;
Ich weiß, ihr würdet anders tun
Und meiner Seele süßes Ruhn
Mit eurem Munde loben.

Der saure Kampf, den ich dort hab
In eurer Welt empfunden,
Der ist durch Gottes Gnad und Gab
All glücklich überwunden.
Es ging mir, wie es pflegt zu gehn
All denen, die bei Christo stehn
Und von der Welt sich scheiden;
Wer Christo folgt, der muß mit ihm
Das Kreuz und alles Ungestüm
Auf seinen Wegen leiden.

Nun bin ich durch. Gott Lob und Dank!
Hier kommt ein ander Leben;
Hier wird mir, was mein Leben lang
Ich nicht gesehn, gegeben:
Ein ganzer Himmel voller Licht,
Ein Licht, davon mein Angesicht
So schön wird als die Sonne;
Hier ist ein ewges Freudenmeer,
Wohin ich nur die Augen kehr,
Ist alles voller Wonne.

Nun lobt, ihr Menschen, wie ihr wollt,
Des Erdenlebens Güte:
Was ist darinnen, das mir sollt
Jetzt neigen mein Gemüte?
Was ist das Beste, das ihr liebt?
Was gibt die Erde, wenn sie gibt,
Als Angst und bittre Schmerzen?
Was ist das güldne Gut und Geld?
Was bringt der Schein und Pracht der Welt
Als Kummer eurer Herzen?

Was ist der großen Leute Gunst
Als Zunder großes Neides?
Was ist das Wissen vieler Kunst
Als Ursprung vieles Leides?
Denn wer viel weiß, der grämt sich viel,
Und welcher andre lehren will,
Muß leiden und viel tragen.
Seht alles an, Ruhm, Lob und Ehr,
Habt Freud und Lust, was habt ihr mehr
Als endlich Weh und Klagen?

Nichts ist so schön und wohl bestellt,
Da man hier wohl auf stehe,
Drum nimmt Gott, was ihm wohlgefällt,
Bei Zeiten in die Höhe
Und setzet es in seinen Schoß;
Da ist es allen Kummers los,
Darf nicht, wie ihr, sich kränken,
Die ihr oft denket, wie doch wohl
Dies oder jenes werden soll,
Und könnets nicht erdenken.

Wer selig stirbt, der schleußet zu
Die schwarzen Jammertore,
Hingegen schwingt er sich zur Ruh
Im güldnen Engelchore,
Legt Aschen weg, kriegt Freudenöl,
Zeucht aus das Fleisch und schmückt die Seel
In reiner weißer Seiden;
Er läßt die Erd und nimmet ein
Die Lust, da Christi Schäfelein
In lauter Rosen weiden.

So gebt, ihr Liebsten, euch doch schlecht
Dahin in Gottes Willen;
Sein Rat ist gut, sein Tun ist recht
Und wird wohl wieder stillen
Den Schmerzen, den er euch gemacht.
Und hiemit sei euch gute Nacht
Von eurem Sohn gegönnet.
Es kommt die Zeit, da mich und euch
Vereingen wird in seinem Reich,
Der euch und mich getrennet.

Da will ich eure Treu und Müh
Und was ihr eurem Kranken
Erwiesen habt, im Himmel hie,
Sobald ihr kommt, verdanken.
Ich will erzählen, wie ihr habt
Euch selbst betrübt und mich gelabt,
Vor Christo und vor allen;
Und für den heißen Tränenfluß
Will ich mit mehr als einem Kuß
Um euren Hals euch fallen.