Paul Gerhardt

Erhebe dich, betrübtes Herz

»Trost-Gesang über den unversehenen Todesfall des wohlseligen Herrn Johannes Bercovii« (1651)

Erhebe dich, betrübtes Herz,
Und laß die Sinnen überwärts
Hin nach dem Himmel steigen:
Nimm Gott zu Trost, so wird dein Schmerz
Alsbald sich merklich neigen.

Dein Schad ist groß, das ist ja wahr,
Doch ist ja auch bekannt und klar
Des höchsten Vaters Gnade:
Die macht, daß uns des Unglücks Schar
Nicht um ein Härlein schade.

Der Fall, der unverhoffte Fall
Schlägt uns nicht anders als der Schall
Des Donners aus der Höhe:
Gott aber hilft, daß Fall und Knall
Zum Glück und Guten gehe.

Was stürzt wohl eines Frommen Sinn?
Wo kann ein Christ auch anders hin
Als in den Himmel fallen?
Trost, Fried und Freud erhalten ihn,
Angst muß zurückeprallen.

Was hat der Tod mit seiner Müh,
Er komme spät an oder früh,
An gottergebnen Seelen?
Nimmt er sie bald, befreit er sie
Vor langem sauren Quälen.

Wer plötzlich stirbt und stirbt nur wohl,
Der nimmt ein Ende, das man soll
Gewünscht und selig preisen:
Ists Herze gut und glaubensvoll,
Was schadt das schnelle Reisen?

Was fragt ein Kämpfer nach der Zeit,
Wenn er den Feind nur in dem Streit
Hat ritterlich empfangen?
Wie mancher kann die Siegesbeut
Im Augenblick erlangen.

Ein solches Lob und edlen Lohn
Hat auch fürwahr und trägt davon
Der, den wir jetzt beweinen:
Er sieht nun selbst ein helle Kron
Auf seinem Haupte scheinen.

Er hat gesiegt, das ist gewiß.
Er ist durch Todes Finsternis
Zu Gottes Licht gekommen.
Er lebt, obschon ein schneller Riß
Ihn von uns hingenommen.

Den schnellen Riß hat Gott getan,
Der nichts als Gutes machen kann
Im Himmel und auf Erden.
Was Gut tut, hebts gleich traurig an,
Muß doch zuletzt gut werden.

Wir wünschen zwar, ach hätten wir
Doch bei dem Bette sollen hier
In seinem Ende stehen
Und hören gegen dir und mir
Sein letztes Wort ergehen.

Denkt aber, denkt, ob dies Gehör
Uns mehr betrübt als tröstlich wär,
Und gebt euch wohl zufrieden,
Weil er in Gott zu Gottes Ehr
Auf Gottes Wort verschieden.

Hilf Gott! sprach sein gottselger Mund,
Das hörte Gott, und half zur Stund
Ihn in die hohen Freuden,
Da sich sein Aug und Herzensgrund
In reiner Wollust weiden.

Da hat er nun all Hilf und Heil,
Ist froh in seinem Erb und Teil,
Wonach er hier gestrebet,
Ruht fern vom Tod und Todespfeil,
In dem er ewig lebet.

Nun darf sein Herz nicht traurig sein
Und fühlt nicht mehr den schweren Stein
Des Kummers wie hienieden,
Da sein Fleiß in der Sorgen Pein
Sich täglich mußt ermüden.

Sein süßer Mund, des edle Zier
Des Höchsten Weisheit für und für
So treulich hat gelehret,
Der predigt, was kein Ohr allhier
Bei uns je hat gehöret.

Er predigt seines Gottes Ruhm
Und füllt das güldne Heiligtum
Und die so schönen Tore,
Sein Name reucht gleich einer Blum
Im heilgen Engelchore.

Die Pflänzlein, die er vorgeschickt,
Hat er auch schon mit Lust erblickt
Und herzlich sich ergetzet,
Nun ist sein Geist in ihm erquickt
Und alles Leid ersetzet.

Was wollt ihr nun mit eurem Leid,
Ihr, die ihr ihm gewogen seid,
Euch selbst nun ferner plagen?
Wems wohlgeht und sich glücklich freut,
Den darf man nicht mehr klagen.

Wischt eure Tränen vom Gesicht
Und laßt des lieben Trostes Licht
In eure Herzen brechen,
So wird, der alles Herzleid bricht,
Euch Herz und Mut einsprechen.

Nehmt eure Zuflucht zu ihm zu,
Und glaubt, daß er nichts anderes tu
Als nur, was uns kann nützen:
Wer das behält, wird in der Ruh
Und Gott im Schoße sitzen.

Wer Gott vertraut, wird in der Tat
Erfahren, daß des Höchsten Rat
Ihn weislich werde führen
Und hier und dort mit großer Gnad
Und reichem Segen zieren.