Paul Gerhardt

Die Zeit ist nunmehr nah

Veranlaßt durch den Kometen des Jahres 1652

Die Zeit ist nunmehr nah,
Herr Jesu, du bist da.
Die Wunder, die den Leuten
Dein Ankunft sollen deuten,
Die sind, wie wir gesehen,
In großer Zahl geschehen.

Was soll ich denn nun tun?
Ich soll auf dem beruhn,
Was du mir hast verheißen,
Daß du mich wollest reißen
Aus meines Grabes Kammer
Und allem andern Jammer.

Ach Jesu, wie so schön
Wird mirs alsdann ergehn!
Du wirst mit tausend Blicken
Mich durch und durch erquicken,
Wenn ich hier von der Erde
Mich zu dir schwingen werde.

Ach, was wird doch dein Wort,
O süßer Seelenhort,
Was wird doch sein dein Sprechen,
Wenn dein Herz aus wird brechen
Zu mir und meinen Brüdern
Als deinen Leibesgliedern.

Werd ich denn auch vor Freud
In solcher Gnadenzeit
Den Augen ihre Zähren
Und Tränen können wehren,
Daß sie mir nicht mit Haufen
Auf meine Wangen laufen?

Was für ein schönes Licht
Wird mir dein Angesicht,
Das ich in jenem Leben
Werd erstmal sehen, geben!
Wie wird mir deine Güte
Entzücken mein Gemüte!

Dein Augen, deinen Mund,
Den Leib, der noch verwundt,
Da wir so fest auf trauen,
Das werd ich alles schauen,
Auch innig herzlich grüßen
Die Mal an Händ und Füßen.

Dir ist allein bewußt
Die ungefälschte Lust
Und edle Seelenspeise
In deinem Paradeise.
Die kannst du wohl beschreiben,
Ich kann nichts mehr als gläuben.

Doch was ich hie gegläubt,
Das steht gewiß und bleibt
Mein Teil, dem gar nicht gleichen
Die Güter aller Reichen;
All andres Gut vergehet,
Mein Erbteil, das bestehet.

Ach Herr, mein schönstes Gut,
Wie wird sich all mein Blut
In allen Adern freuen
Und auf das Neu erneuen,
Wenn du mir wirst mit Lachen
Die Himmelstür aufmachen!

Komm her, komm und empfind,
O auserwähltes Kind,
Komm, schmecke, was für Gaben
Ich und mein Vater haben,
Komm, wirst du sagen, weide
Dein Herz in ewger Freude!

Ach, du so arme Welt,
Was ist dein Gold und Geld
Hier gegen diese Kronen
Und mehr als güldnen Thronen,
Die Christus hingestellet
Dem Volk, das ihm gefället.

Hie ist der Engel Land,
Der selgen Seelen Stand;
Hie hör ich nichts als singen,
Hie seh ich nichts als springen,
Hie ist kein Kreuz, kein Leiden,
Kein Tod, kein bittres Scheiden.

Halt ein, mein schwacher Sinn,
Halt ein! Wo denkst du hin?
Willst du, was grundlos, gründen?
Was unbegreiflich, finden?
Hier muß der Witz sich neigen
Und alle Redner schweigen.

Dich aber, meine Zier,
Dich laß ich nicht von mir;
Dein will ich stets gedenken,
Herr, der du mir wirst schenken
Mehr als mit meiner Seelen
Ich wünschen kann und zählen.

Ach, wie ist mir so weh,
Eh ich dich aus der Höh,
Herr, sehe zu uns kommen!
Ach, daß zum Heil der Frommen
Du meinen Wunsch und Willen
Noch möchtest heut erfüllen!

Doch du weißt deine Zeit.
Mir ziemt nur, stets bereit
Und fertig dazustehen
Und so zum Herren zu gehen,
Daß alle Stund und Tage
Mein Herz mich zu dir trage.

Dies gib, Herr, und verleih,
Auf daß dein Huld und Treu
Ohn Unterlaß mich wecke,
Daß mich dein Tag nicht schrecke,
Da unser Schreck auf Erden
Soll Fried und Freude werden.