Paul Gerhardt

Liebes Kind, wenn ich bei mir bedenke

Auf den Tod des kleinen Friedrich Ludwig Zarlang, Sohn des Berliner Bürgermeisters Z. (1660)

Liebes Kind, wenn ich bei mir
Deines schönen Leibes Zier
Und der Seelen Schmuck bedenke,
Weiß es Gott, wie ich mich kränke.

Kein Smaragd mag je so schön
In dem feinen Golde stehn,
Keine Rose mag im Lenzen
Dir gleich, schöne Blume, glänzen.

Dein Gebärde, dein Gesicht
Und der beiden Augen Licht
War in Tugend ganz verhüllet
Und mit guter Zucht erfüllet.

Deine Liebe, deine Gunst
Ging und hing nach lauter Kunst;
Viel zu lernen, viel zu wissen,
War dein edler Geist geflissen.

Auch war hier ein guter Grund,
Da das ganze Werk auf stund,
Nämlich Gott und sein Wort hören
Und die heilge Bibel ehren.

Wollte, wollte Gott, daß nur
Deines Lebens schwache Schnur
Etwas noch hier auf der Erden
Hätten müssen länger werden.

O wie manche große Freud,
O wie manch Ergötzlichkeit
Würden wir von deinen Gaben
Noch zuletzt genossen haben.

Nun, mich jammerts; aber du,
Liebes Kind, schweigst still dazu,
Wohnst in Gottes Stadt und Mauern
Kehrst dich nicht an unser Trauern.

Deines Wesens hoher Stand
Ist auch nun also bewandt,
Daß, wers gut will mit dir meinen,
Dich nicht dürfe mehr beweinen.

Du bist ungleich besser dran,
Als die Welt hier sinnen kann;
Du hast mehr als wir dir gönnen,
Mehr auch, als wir wünschen können.

Es ist an dir ganz und gar,
Was hier unvollkommen war;
Was du hier hast angefangen,
Hast du dort vollauf empfangen.

Deine Seel hat Gottes Reich,
Und du bist den Engeln gleich:
Alle Himmel hörst du singen
Und du gehst in vollen Springen.

Nun so lebe, wie du lebest!
Schweb in Freuden, wie du schwebest!
Balde, balde wirds geschehen,
Daß du uns, wir dich dort sehen.