Rudolf von Gottschall

Abd el Kader in Frankreich

Enge Mauern, enge Thürme – Kerkerluft so dumpf und schwer!
Drüben liegt die freie Wüste, drüben liegt das weite Meer;
Wo in heißen Glutenwirbeln die Sahara steigt und fällt;
Wo der Atlas riesenkräftig eines Himmels Säulen hält!

Trauernd sitzt der bleiche Emir, seinen Koran in der Hand!
»Wie? ist dies das Land der Freiheit, dieses der Verheißung Land?
Selbst der Räuber in der Wüste ehrt des Gastes heil’ges Recht;
Doch in Ketten wirft den Fremdling dies entartete Geschlecht!

O du feurig Kind der Steppen, du gedankenschnelles Roß!
Nimmer streichl’ ich dir die Mähnen, du mein treuer Zeltgenoß!
Nimmer sprühen deine Nüstern todesmuthig in dem Kampf,
Wenn an der Kabylen Spitze uns umwogt der Pulverdampf.

Ferne irren die Gedanken in dem unermess’nen Raum,
Und des Atlas Gipfel ragen stolz hinein in meinen Traum!
Droben unter Dattelpalmen schlug ich auf das Herrscherzelt;
Frei hernieder sahn die Blicke in die freie, weite Welt.

Fluch dem Tag, an dem die Woge mich an diese Küsten trug:
Fluch dem falschen Volk der Franken, welches mich in Fesseln schlug!
Wär’ ich freien Tod gestorben in des Meeres heil’ger Flut,
Freien Tod im Vaterlande, in des Samum Schreckensglut!«

Trauernd sitzt der bleiche Emir, seinen Koran in der Hand;
In den Bart rollt ihm die Thräne um das ferne Vaterland.
Plötzlich weckt aus seinen Träumen ihn ein lauter Jubelschall;
Hörner schmettern von den Thürmen, Trommeln wirbeln auf dem Wall!

Schlägt der Tambour die Reveille? Nein, schon längst versank die Nacht.
Das ist eines Volks Reveille, das zur Freiheit jetzt erwacht.
Tröste dich, du Wüstenkönig! And’re Throne stürzen ein,
Ueber deine Kerkermeister bricht jetzt das Gericht herein.

Und der Emir hört die Kunde! Himmelan den Blick gewandt,
Ruft er aus mit freud’gem Beben: „das ist Allahs Rächerhand!
»Bei dem Barte des Propheten! Frankenvolk, ich wünsch’ dir Glück!
Groß ist Allah, groß ist Allah! Hoch die neue Republik!«