Friedrich von Hagedorn

Schriftmäßige Betrachtungen über einige Eigenschaften Gottes

Herr, dessen Weisheit ewig ist!
Herr, der du aller Wesen Quelle,
Erhabner als der Himmel bist,
Und tiefer als die tiefste Hölle!
Wer mißt den Donner deiner Macht?
Du breitest aus die Mitternacht
Und zählst die Stern' als eine Heerde.
Dem Winde gibst du sein Gewicht,
Dem Wasser Maß, den Sonnen Licht,
Und hängst an nichts die Last der Erde.

Der Herr ist Gott. Licht ist Sein Kleid.
Er schilt: des Himmels Säulen zittern;
Sein Zorn verzehrt, Sein Blitz gebent;
Er macht den Weg den Ungewittern.
Er hat den Himmel ausgespannt;
Aus Seinem Munde kömmt Verstand,
Und Weisheit ist Sein göttlich Hauchen.
Sein Odem zündet und belebt;
Er schaut die Erd' an, und sie bebt;
Er rührt die Berg' an, und sie rauchen.

Er spricht, so muß ein ganzes Heer
Sein ausgesandter Engel würgen.
Der Winde Mund erzählt's dem Meer,
Das Meer verkündigt's den Gebirgen.
Es zittern Berg und Wald und Feld;
Es bebt die Veste dieser Welt:
Sie kennt der Allmacht schwere Rechte.
Ihr Schöpfer ist es, der sich zeigt:
Die Sonn' erschrickt; die Erde schweigt;
Es zagt das menschliche Geschlechte.

Das Schwert des Herrn ist voll vom Blut;
Zu Bozra hält der Herr ein Schlachten;
In Edom tilget er die Brut
Der Rotten, die Sein Wort verachten.
Auch Zions Friedensengel weint,
Bis Gott sich aufmacht und erscheint;
Und Saron ist wie ein Gefilde;
Man sieht den Libanon zerhaun,
In Basans Triften herrscht nur Graun,
Und Carmels Aehre wächst dem Wilde.

Die Völker sind zu Kalk verbrannt,
Wo, Herr! dein Feuer angegangen.
Man rafft Gefangene wie Sand;
Die Fürsten lecken Staub wie Schlangen.
Es wird der Schlösser wüster Rest
Der Straußen Sitz, der Drachen Nest.
So wird die leere Stadt zerbrochen;
So wird das bange Land beraubt;
Des Frevlers Fluch fällt auf sein Haubt,
Der Gottes Heeren Hohn gesprochen.

Man hört der Hügel Klaggeschrei;
Man hört gestäupter Städte Heulen;
Man sieht, wie Staub und leichte Spreu,
Der Starken Rosse sich vertheilen.
Der Heere Wolken sind zerstreut.
Es wird ein Sack der Fürsten Kleid.
Sein Odem macht ihr Reich zunichte;
Und wie ein Weib mit Angst gebiert,
So wird das Volk mit Furcht gerührt
Vor Seinem Arm und Strafgerichte.

Ein Löw', ein junger Löwe brüllt,
Und schreckt mit aufgesperrtem Rachen,
Den bald der Klauen Beute füllt,
Und Blut und Geifer triefend machen.
Der Hirten Menge schreit ihn an,
Daß Berg und Thal es hören kann;
Doch darf in ihre Menge stören?
Sie scheucht ihn nicht: er würgt und schnaubt,
Und kann mit dem, was er geraubt,
Zurück in Wald und Höhle kehren.

So sieht man dich, Herr Zebaoth!
Mit starkem Grimm herniederfahren.
Der Feinde Drohen wird zu Spott,
Und Schrecken überfällt die Schaaren.
Nun richtet die Gerechtigkeit.
Der Herr zieht selber in den Streit.
Er selber siegt auf Zions Höhen.
Die Hügel fühlen Sieg und Muth.
Wie könnte der Egypter Wuth
Dem Pfeil der Allmacht widerstehen?

Und was hat nicht dein Zorn gefällt,
Als du so vieler Tausend Leben,
Und deinen Herd und dein Gezelt
Den Feinden Salems übergeben;
Als Zion selbst in Schutt versank;
Als es den Kelch des Jammers trank,
In welchen sich dein Grimm ergossen;
Als Knechtschaft, Angst und Hungersnoth
Und Flamme, Pest und Schwert und Tod
Das ausgeführt, was du beschlossen?

Verwüstung herrschet überall;
Geschrei und Klagen fliehn zum Himmel;
Es übertäubt den bangen Schall
Der Blutvergießer Mordgetümmel.
Ein Mann ersticht sein jammernd Weib,
Bricht und zerstückt den todten Leib,
Verzweifelnd, mit dem trunknen Schwerte.
Er frißt, was er geschlachtet hat.
Der Hunger trieb ihn zu der That,
Der Hunger, der sein Mark verzehrte.

Ein Vater reißt sein saugend Kind
Der blassen Mutter aus den Händen.
Er mordet; beider Blut verrinnt!
Ein Dolch muß beider Leben enden.
Er knirscht, verflucht sich tausend Mal,
Und nagt sein eignes Fleisch vor Qual,
Und stürzt sich in des Tempels Feuer.
Dort würgt ein Jüngling seine Braut,
Die ihm ihr Pfleger anvertraut,
Mit ihrem eignen Hochzeitschleier.

Hier thront der Mord mit Blut bespritzt,
Auf eiternden, zerfleischten Leichen;
Sein wildes Auge glüht und blitzt,
Und gibt der schwarzen Freude Zeichen.
Hier ist sein gräßlicher Triumph;
Hier sieht und zählt er jeden Rumpf
Mit einem höllischen Ergötzen.
Hier hält er nach dem Metzeln Ruh;
Sein Jauchzen ruft den Geiern zu,
Die schnell sich auf die Aeser setzen.

Herr, wer erhebt, wie du, die Hand?
Wer darf mit dir, o Richter! rechten?
Wer thut den Kräften Widerstand,
Die Juda, so wie Assur, schwächten?
Dem Arm, der Könige zerschmeißt,
Die Bande Seines Volks zerreißt,
Und die Gewaltigen zerschläget?
Dem Herrn, der nur die Stolzen beugt,
Den Frommen Seine Wege zeigt,
Und sie auf Adlers Flügeln träget?

Allein, was ist der Mensch vor dir,
Daß du, o Herrscher! sein gedenkest?
Was ist dies Land? und was sind wir,
Die du mit Wollust reichlich tränkest?
Es ist vor dir der Welten Bau
So wie ein Tropf vom Morgenthau,
Du Meer der Wunder und der Wonne!
Es ist, in Ansehn deines Lichts,
Die Sonne selbst ein Punkt, ein Nichts:
Nur Gott, der Herr, ist Schild und Sonne.

Gott unsrer Väter und ihr Ruhm,
Held, Ueberwinder und Gebieter,
Du Heiliger im Heiligthum,
Erbarmer, Vater, Menschenhüter!
Was dort dein Mund zur Wittwe spricht,
Das mitleidvolle: Weine nicht,
Das sprichst du noch, du Gott der Treue!
Und deinen Zorn entwaffnet oft
Ein Seufzer deß, der auf dich hofft,
Und eine Zähre wahrer Reue.

Das Gute kömmt aus deiner Hand.
Du krönst das Jahr mit deinem Segen.
Durch dich befruchtet sich das Land,
Und dürre Furchen tränkt dein Regen.
Wie ist des Schöpfers Bild so schön!
Sein Himmel, Seine Wolken stehn
So fest wie ein gegoss'ner Spiegel!
Die Auen sind an Aehren reich.
Man jauchzet und besingt zugleich
Der Anger Reiz, die Lust der Hügel.

Der Himmel und die Erd' ist dein,
Und Alles lebt von deinen Gaben.
Du heißest Wüsten fruchtbar sein,
Und sättigst auch die jungen Raben.
Nichts setzet deinem Rath ein Ziel.
Du schenkst das zarteste Gefühl,
Der Größen Wissenschaft den Spinnen.
Du lehrst dem Storch die Reisezeit,
Du gibst der Ameis' Emsigkeit,
Den Bienen Reich und Königinnen.

Wo findet sich der Weisheit Bahn?
Und wo ist des Verstandes Stäte?
Wer thut, was Salomo gethan,
Und sucht sie eifrig im Gebete?
Ihr, deren Dünkel Alles mißt,
Trefft das kaum, was auf Erden ist:
Wer will des Höchsten Himmel kennen?
Wir sehn in Seinem Licht das Licht.
Den hohen Augen glückt es nicht,
Das Wesen von dem Schein zu trennen.

Es ist ein endlicher Verstand
Mit Wahn und Dunkelheit umfangen,
Eh' er, o Wahrheit! dich erkannt
Und ihm dein Leitstern aufgegangen.
Wie wirst du doch so oft verfehlt,
Wann Ungewißheit lange wählt,
Und endlich dich zu finden glaubet!
Bis dir der helle Sieg gelingt,
Der durch des Irrthums Blendwerk dringt,
Und ihm Gewalt und Nebel raubet.

Wie, wann ein Wandersmann verirrt,
Wann Nacht und Schatten Alles decken;
Wann Furcht und Zweifel ihn verwirrt,
Und die Erschrock'nen andre schrecken:
O wie lacht dem das erste Licht,
Das aus den grauen Wolken bricht,
Und uns den rothen Morgen zeiget!
Ein neuer Lustreiz schmückt die Welt;
Die Macht der Finsternisse fällt,
Und Glanz und Muth und Freude steiget.