Friedrich von Hagedorn

Der Weise

Ein Midas trotzt auf den Besitz der Schätze,
Um die der Geiz nach fernen Ufern reist.
Prüft auch der Thor der Wahrheit ew'ge Sätze,
Des Weisen Glück, den ächten Heldengeist,
Den Schatz, an dem kein Diebesfinger klebet,
Nach dem allein der Reichen Neid nicht strebet?

Ein Weiser lebt, obgleich nicht krumme Grifse
Ihm Geld und Trost in Schränk' und Kasten ziehn;
Beschweret gleich sein wuchernd Gut nicht Schiffe,
Die zum Gewinn mit schnellen Segeln fliehn.
Er darf sich groß, er darf sich glücklich preisen;
Kein fremder Fluch versalzet seine Speisen.

Er schläft mit Lust, wo Andrer Sorgen wachen;
Wann Boreas um Dach und Fenster heult,
Und dann vielleicht der Wellen schwarzer Rachen
Den Frachten droht, und Mast und Kiel ereilt;
So oft der Herr der Wasser und der Erden
Die Krämer beugt, daß sie nicht Fürsten werden.

Was Recht und Fleiß und Zeit und Glück ihm geben,
Verwaltet er mit milder Dankbarkeit,
Und meidet den, der den Genuß vom Leben,
Der jeden Tag nur dem Gewerbe weiht,
Und jüdisch lacht, so oft er sieht und höret,
Wie die Vernunft Geschmack und Wahrheit ehret.

Wie edel ist die Neigung ächter Britten:
Ihr Ueberfluß bereichert den Verstand,
Der Handlung Frucht, und was ihr Muth erstritten,
Wird, unbereut, Verdiensten zugewandt;
Gunst krönt den Fleiß, den Macht und Freiheit schützen:
Die Reichsten sind der Wissenschaften Stützen.

O Freiheit! dort, nur dort ist deine Wonne,
Der Städte Schmuck, der Segen jeder Flur,
Stark wie das Meer, erquickend wie die Sonne,
Schön wie das Licht, und reich wie die Natur.
Halbglücklich sind die Sklaven, die dich nennen;
Doch weiter nicht, als nach dem Namen, kennen!

Wer heißt oft groß? Der schnell nach Ehren klettert,
Den Kühnheit hebt, die Höhe schwindlicht macht.
Doch wer ist groß? Der Fürsten nicht vergöttert,
Und edler denkt, als mancher Fürst gedacht,
Der Wahrheit sucht, dich, treue Wahrheit, findet,
Und seinen Werth auf Witz und Tugend gründet.

Ein solcher kennt die Eitelkeit der Würden,
In die das Glück zu selten Kluge steckt.
Ihn rühret nicht der Aufputz hoher Bürden;
Ihm strahlt kein Stern, der kleine Herzen deckt.
Der Geist, durch den ein Cato groß geworden,
Fährt in kein Band, und ruht auf keinem Orden.

Wann machte sich das Lob der Tugend eigen?
Wann war es nicht des Glückes Folgemagd?
Wie oft beschämt der, dem die Schmeichler schweigen,
Den, dem ihr Schwarm viel Süßes vorgesagt?
Wie oft ist der der Welt im Zorn gegeben,
Den Clerisei und Hof und Land erheben?

Die Einfalt lobt, was Vieler Stimmen loben,
Die Menschenfurcht, was sie nicht stürzen kann.
Germanicus wird billig hoch erhoben;
Doch betet Rom auch seinen Buben an: (Caligula.)
Domitian, Roms schändlicher Berather,
Heißt, wie August, des Vaterlandes Vater.

Wie Mancher wird aus Eigennutz besungen,
Mit Lob betäubt, den jede That entehrt!
Des Frevlers Ruhm ertönt auf feig4en Zungen,
Bis ihm das Glück den falschen Rücken kehrt.
Ahitophel, und solcher Räthe hundert,
Sogar ein Süß ward, eh er hing, bewundert.

Die Schmeichelei legt ihre sanften Bande,
Ihr glattes Joch nur eiteln Seelen an.
Unedler Ruhm und unverdiente Schande,
O waget euch an keinen Biedermann!
Führt im Triumph die Blöden, die nichts wissen,
Und, was sie sind, vom Pöbel lernen müssen!

Ruhm, Ehre, Lob, (wie wir den Beifall nennen,
Den alle Welt Verdiensten schuldig ist),
Euch kann uns nur die Weisheit zuerkennen,
Die unsern Werth nicht nach dem Ansehn mißt.
Ihr Ernst verscheucht die Künste kleiner Meister.
Ihr Geist ist stark, und geht durch alle Geister.

Ihr Preis, ihr Werth wird nicht vom Glück entschieden;
An ihr verliert der Zufall seine Kraft.
Sie kennet sich, und ihren innern Frieden
Zerrüttet nicht die Macht der Leidenschaft.
Was? darf man noch die niedren Größen preisen?
Kein Stand ist groß, als nur der Stand des Weisen.

Er weiß, sein Gott kennt, wählt und wirkt das Beste:
Das einzusehn, ist seine Lust und Pflicht;
Und bebte gleich der Welten Bau und Veste,
So zaget er bei ihrem Einfall nicht.
Er stirbt getrost: er segnet seine Zeiten,
Und heiliget sein Theil der Ewigkeiten.