Friedrich von Hagedorn

Die Glückseligkeit

Es ist das wahre Glück an keinen Stand gebunden:
Das Mittel zum Genuß der schnellen Lebensstunden,
Das, was allein mit Recht beneidenswürdig heißt,
Ist die Zufriedenheit und ein gesetzter Geist.
Der ist des Weisen Theil. Die Nerven und die Stärke
Des männlichen Gemüths sind nicht des Zufalls Werke.

Nicht Erbrecht noch Geburt, das Herz macht groß und klein;
Ein Kaiser könnte Sklav', ein Sklave Kaiser sein,
Und nur ein Ungefähr gibt, zu der Zeiten Schande,
Dem Nero Cäsars Thron, dem Epictet die Bande.

Der Pöbel, welcher kaum der Dinge Hälfte kennt,
Und nur die Schmeichelei des Zufalls Glück benennt,
Der Pöbel lebt im Traum, und zeigt in allen Rollen,
Die seine Wahnsucht spielt, was wir belachen sollen,
Gehorcht wie Tigellin, herrscht wie Soämis Sohn,
Ist Pöbel in dem Staub, und Pöbel auf dem Thron.
Grob oder leicht und falsch, stolz oder niederträchtig,
Noch blinder als sein Glück, und nie durch Weisheit mächtig.

Nur diese findet sich in würdiger Gestalt
Bei jeglichem Beruf, in jedem Aufenthalt.
Sie dichtet im Homer, gibt im Lycurg Gesetze,
Beschämt im Socrates der Redner Schulgeschwätze,
Bringt an den stolzen Hof den Plato, den Aeschin,
Gehorchet im Aesop, regiert im Antonin,
Und kann im Curius sich den Triumph ersiegen,
Doch auch mit gleicher Lust die starren Aecker pflügen.

Was ist die Weisheit denn, die Wenigen gemein?
Sie ist die Wissenschaft, in sich beglückt zu sein.
Was aber ist das Glück? Was alle Thoren meiden:
Der Zustand wahrer Lust und dauerhafter Freuden;
Empfindung, Kenntniß, Wahl der Vollenkommenheit,
Ein Wandel ohne Reu' und stete Fertigkeit,
Nach den natürlichen und wesentlichen Pflichten
Die freien Handlungen auf einen Zweck zu richten.

Ist nicht des Weisen Herz ein wahres Heiligthum,
Des höchsten Guten Bild, der Sitz von seinem Ruhm?
Den falschen Eigennutz unordentlicher Triebe
Verbannt aus seiner Brust die treue Menschenliebe.
Es quellen nur aus ihr der tugendhafte Muth,
Der Freunde nie verläßt, und Feinden Gutes thut,
Den Frieden liebt und wirkt, der Zwietracht Wildheit zähmet,
Und nur durch neue Huld Undankbare beschämet;
Der Wünsche Mäßigung wann nichts dem Wunsch entgeht;
Die Unerschrockenheit, wann Alles widersteht;
Der immergleiche Sinn, den Fälle nicht zerrütten;
Wahrhaftigkeit im Mund, und Wahrheit in den Sitten;
Die Neigung, die uns lehrt an aller Wohlfahrt baun,
Nicht blos auf unsre Zeit und auf uns selber schaun,
Mit eigenen Verlust der Nachwelt Glück erwerben,
Und für das Vaterland aus eigner Willkür sterben.

In diesem Vorzug liegt, was man nie g'nug verehrt,
Der Seele Majestät, der Menschen ächter Werth:
Denn Wollust, Reichthum Macht, was Tausende begehren,
Das pfleget die Natur auch Thieren zu gewähren.

Monarchisch herrscht und schreckt, zu schwächrer Nachbarn Weh,
Der Adler in der Luft, der Schwertfisch in der See,
Ein königlicher Löw', ein kriegerischer Tieger
Ist, Alexandern gleich, ein Haubt, ein Held, ein Sieger,
Und waget sich gewiß mit größerer Gefahr
An einen kühnern Feind, als dort Darius war.
Wird manche Muschel nicht an Schätzen mehr verwahren,
Als Polidor verspielt, und Cleons Aeltern sparen?
Belebt die Buhlerei nicht jeden Sperling mehr,
Als alle Lüsternheit den traurigen Tiber?
Es mag ein Sybarit auf weichen Rosen liegen,
Die leichte Spinne kann sich zehn Mal sanfter wiegen.

Die siegende Gewalt, die Gabe, reich zu sein,
Was Sinnen lockt und übt, hat nicht der Mensch allein.
Das kann, in mancher Art, auch ihm Vergnügen bringen:
Doch was unsterblich ist, folgt billig bessern Dingen.

Ich, ich weiß dieses längst, denkt ein gelehrter Geist,
Der nie sich glücklich schätzt, als wann er scharf beweist:
Der nicht gemeine Reiz erhab'ner Wissenschaften,
Der, lehrt er, und sonst nichts muß an der Seele haften.
Ich forsche, was sich stets in jenen Welten dreht,
Was Orpheus, Epicur und Brunus ausgespäht,
Wie jenes Firmament ein Heer von Sonnen zieret,
Ein neuer Stern erscheint, ein alter sich verlieret,
Was Flamsteed glücklicher, als Liebknecht, uns entdeckt,
Wie weit sich ihre Zahl und ihre Größ' erstreckt.
Was auch der Pöbel weiß, kann mich nicht lüstern machen.
Ein philosophisch Aug' ergötzen hohe Sachen:
Wie jeder Haubtplanet, im Bau der besten Welt,
Durch Wirbel reger Luft die Laufbahn richtig hält,
Stets um der Sonne Glut elliptisch sich beweget,
In dem sonst dunklen Kreis Land, Berge, Wasser heget,
Und, unsrer Erde gleich, vielleicht mit Menschen prangt,
Die auch Systemata, so gut als wir, erlangt,
Und unter denen jetzt, zum Nutzen ihrer Sphären,
Vielleicht ein andrer Wolf, ein andrer Newton lehren.
Sieht mich die Mitternacht bei meinem Sehrohr wach,
So ahm' ich höchstvergnügt berühmten Männern nach:
Und so entdeck' ich selbst, was, auch bei wachen Stunden,
Ein Deutscher, ja sogar ein Domherr, ausgefunden.

Freund! wer erkennet nicht den Werth der Wissenschaft?
Unendlich ist ihr Ruhm, ersprießlich ihre Kraft.
Doch sind wir, nach dem Zweck des Schöpfers aller Wesen,
Nur, um gelehrt zu sein, zum Dasein auserlesen?
Hat nicht an deinem Fleiß und wirksamen Verstand
Dein eignes Haus ein Recht, noch mehr dein Vaterland?
Wird durch den Sirius, der beim Orion blitzet,
Germanien befreit, und eine Stadt beschützet,
Der Unschuld Recht geschafft, der Frevelmuth gestört,
Die Tugend groß gemacht, der Seele Glück vermehrt?
Bestimmst und ordnest du nach der Bewegung Schranken
Die sich verklagenden und richtenden Gedanken?
Nutzt nicht der grobe Pflug, die Egge mehr dem Staat,
Als ihm ein Fernglas nutzt, das dir entdecket hat,
Wie von Caßini Schnee, von Huygens weißer Erde
Im fernen Jupiter ein Land gefärbet werde?
Sah nicht ein Socrates aufs menschliche Geschlecht,
Und hatt' er etwa nicht bei seiner Strenge Recht,
Die von der Wissenschaft der Sterne nichts behielte,
Als was dem Feldbau half, und auf die Schiffahrt zielte?
Mich däucht, er gründe sich auf die Erfahrenheit:
Das, was uns glücklich macht, sei nicht Gelehrsamkeit.

Ja freilich! schreit Gryphin: das Rechnen ausgenommen,
Kann keine Wissenschaft und kein Erkenntniß frommen.
Allein wer kennet nicht den zählenden Gryphin?
Dem keine Staude grünt, dem keine Blumen blühn,
Kein Strahl der Sonne spielt, der nur die Sonne liebet,
Wann sie den Stier durchstreicht, uns längre Tage gibet,
Ihm Holz und Licht erspart: der, ganz erpicht auf Geld,
Die Münzer insgeheim für halbe Schöpfer hält,
Und nur die Schöpfung ehrt, die aus dem Reichthum stammet,
Durch den sein Vater sich, dem Sohn zum Trost, verdammet,
Der sich in Erz und Gold bald spiegelt, bald vergräbt,
Und, nach der Erben Wunsch, so wie sein Vater, lebt.
Erforschung der Natur, das schöne Weltgebäude
Sind nicht der Wuchrer Lust, noch grober Seelen Freude.
Gryphin bewacht sein Geld: an seiner Seite wacht
Ein Menschenfeind, der Geiz, der horchende Verdacht,
Der zänkische Betrug, der Meineid im Gewerbe,
Der ungestalte Neid, Lust zu des Nachbarn Erbe,
Verzweiflung bei Gefahr, und Unempfindlichkeit
Bei allen Predigten von Selbstzufriedenheit.

O wie beglückt ist der, auf dessen reine Schätze
Nicht Fluch und Schande fällt, noch Vorwurf der Gesetze,
Der aus dem Ueberfluß, den er mit Recht besitzt,
Der Armen Blöße deckt, und ihre Häuser stützt,
Die Künstler kennt und hegt, mit seinem Beistand eilet,
Und mit gewohnter Hand des Kummers Wunden heilet!
Vor ihm verlieren sich die Zähren banger Noth.
Die Milde seiner Huld entfernt der Greisen Tod,
Zieht ihre Kinder auf, die Väter zu verpflegen,
Und wird ein Gegenstand von ihrem letzten Segen.
Die Lust an aller Wohl beseelet, was er thut.
Es ist sein Eigenthum ein allgemeines Gut.
Es überfließt sein Herz, der innre Freund der Armen,
Von reger Zärtlichkeit, von göttlichem Erbarmen.

Ja! Titus irrte nicht: Der Tag ist zu bereun,
An welchem wir durch nichts ein leidend Herz erfreun.
Als Bürger einer Welt sind wir dazu verbunden;
Verloren ist der Tag, und selten sind die Stunden,
Die, wann wir fähig sind, Bedrängten beizustehn,
Beim Anblick ihres Harms uns unempfindlich sehn;
Wann Mitleid, Lieb' und Huld mit Seufzern sich verschleichen,
In enge Winkel fliehn, und dir, an Falschheit, gleichen,
Du Rath der Heiligen, die stolze Demuth krümmt!
Zunft! die den Brüdern schenkt, was sie den Menschen nimmt:
Die mit der frommen Hand, die sich zur Andacht faltet,
Nach ihrem innern Licht das Zeitliche verwaltet,
Die Jünger feister macht, sonst Alle von sich stößt,
Die Nackende bekleid't, Bekleidete entblößt,
Nur philadelphisch liebt, in Allem, was geschiehet,
So schlau, als Saint-Cyran, den Finger Gottes siehet,
Sich für sein Häuflein schätzt, und, falscher Bilder voll,
Die Welt ein Babel nennt, dem man nichts opfern soll.

Der Allmacht mildre Gunst zeigt sich in jedem Falle;
Nichts schränkt ihr Wohlthun ein; ihr Segen strömt auf Alle.
Der, dessen kleines Herz, nach klügelndem Bedacht,
Das Brod, das er verschenkt, recht schwer und steinern macht,
Gleicht Neidern fremden Glücks, die selbst kein Glück verdienen,
Verläugnern der Natur und hündischen Gryphinen.

Die Baarschaft, die zu sehr an kargen Fäusten klebt,
Nur ihrem Hüter lacht, der stets nach mehrerm strebt;
Der Reichthum, der vertheilt so vielen nützen würde,
Und aufgethürmtes Gold sind eine todte Bürde,
Bis sie ein Menschenfreund, den nicht ihr Schein ergötzt,
Zu vieler Glück beseelt und in Bewegung setzt.

Die Kunst versteht Fatill, der, Großen nachzuahmen,
Reichsgräflich kauft und baut, und einen edlen Namen,
Nach dem sein Diener oft so edel ist als er,
Durch Aufwand edler macht, und zu vergessen schwer.
Er lebet ritterlich, und seines Reichthums Quellen
Verrauschen schnell und stark, gleich jenen Wasserfällen,
Die seiner Gärten Schmelz, durch Kosten eitler Pracht,
Weit mehr, als durch Geschmack, berühmt und stolz gemacht:
Wo in Cybelens Mund sich Schaum und Strahlen krümmen,
Die Liebesgötter spein, und Huldgöttinnen schwimmen,
Und in dem Grottenwerk, das eine Fama stützt,
Vulcan im Schwall erstarrt, Neptun im Trocknen sitzt.
Vielleicht verkleidet er, den Pöbel zu verblenden,
Den unbemerkten Geiz in schimmerndes Verschwenden.
O nein! der Schmeichler Lob bläht seinen Uebermuth,
Und seine Hoffahrt wirkt, was nie sein Mitleid thut.
Sein Stolz hilft andern auf, weil sie ihn glücklich nennen,
Und ist den Künsten hold, auch ohne sie zu kennen.
Er stimmt die Tugenden der spröden Sängerin,
Trotz aller Heischerkeit, trotz allem Eigensinn;
Bereichert durch den Preis, den er Verdiensten zahlet,
Die Nadel, die ihm stickt, den Pinsel, der ihm malet;
Und was er andern nicht an baarer Gunst erweist,
Das ziehet, der ihm baut, und der ihm niederreißt,
Und stets mit blindem Fleiß, sobald er es befiehlet,
In Kammern Pflaster setzt, und nur die Säle diehlet.
Ihm stellt ins Schlafgemach, das er allein erfand,
Die Säulen-Ordnung Rom, Paris die Spiegelwand,
Vor der, in hellem Erz und stufenweis' erhöhet,
Der lächelnde Fatill auf schwarzem Marmor stehet.
Ein flitternd Blumenwerk bebt um des Fensters Fach.
Den nahen Pferdestall bedeckt ein kupfern Dach.
Nicht weit von diesem ruht, der Baukunst zum Exempel,
Auf Pfeilern deutscher Art ein Göttervoller Tempel;
So prächtig, daß der Stolz, den Kennern zum Verdruß,
Hier nichts der Kunst geweiht, als blos den Ueberfluß:
So offen, daß, sobald der Nord die Zinn erschüttert,
Der bange Jupiter mit allen Blitzen zittert,
Daß jüngst ein Regenguß Minerven fast verschwemmt,
Und daß ein Wiedehopf ... Doch horcht! Der Hausherr kömmt:
Er kömmt! Es meldet ihn, und seines Glücks Genossen
Das rasselnde Geräusch raschrollender Carossen.
Sein Schwemmer fährt vorauf, aus dem der große Mann
Sein wichtiges Gesicht den Leuten zeigen kann,
Die, wann sie seinen Zug auch nur von weitem hören,
Bewundernd stille stehn, und ihn mit Grüßen ehren.
Nun sind die Gäste da. Er führt sie allzumal,
Nach langem Wortgepräng', in seinen Tafelsaal,
Zum wohlschattirten Tisch, wo Trachten seltner Speisen
Den fürstlichen Geschmack des theuren Kochs erweisen,
Und wo von allen doch den schwulstigen Fatill
Kein Reh, kein Ortolan, kein Rebhuhn reizen will.
Der Ekel darf ihm gar die frischen Bachforellen,
Den gelblich rothen Lachs, den Meerkrebs jetzt vergällen.
Ihm, den die saure Last so vieler Schmäuse preßt,
Schmeckt nicht die Ananas, noch Tunquins Vogelnest.
Warum? Er muß bereits sein hochansehnlich Leben
Dem Koch nicht anvertraun, nur Aerzten untergeben.
Es überfällt ihn schon mit wüthender Gewalt
Der reuerfüllte Schmerz, der Scheinlust Hinterhalt.
Der Hunger fliehet ihn, wie er die Arbeit scheuet,
Die Reizung bester Art, die jenen Stand erfreuet,
Der weidlich sich bewegt, sä't, ackert, erntet, drischt,
Gräbt, pflanzet, wässert, walzt, schwimmt, rudert, flößt und fischt.
O Glück der Niedrigen, der Schnitter und der Hirten,
Die sich in Flur und Wald, in Trifft und Thal bewirthen,
Wo Einfalt und Natur, die ihre Sitten lenkt,
Auch jeder rauhen Kost Geschmack und Segen schenkt!

Was kann sich zum Genuß ein mürber Schlemmer wählen,
Wann Kitzel, Schärf und Saft der spröden Zunge fehlen?
Dem Habicht, und nicht dir, o Thor, schmeckt der Fasan,
Auf dessen Zucht und Hut du so viel Geld verthan.
Der feisten Karpfen Satz, die dir nur Ekel brächten,
Gebührt mit größerm Fug den weit gesündern Hechten.
Schmaus', aber schmaus' im Traum: sonst weist der rege Stab
Des strengen Rezio die Speisen von dir ab.
Im Traum? Doch ach! die Zeit erweckt dir neuen Kummer:
Den Hunger nahm sie dir; sie raubt dir auch den Schlummer.
Es schleicht der ächte Schlaf den Federpfühl vorbei,
Ist falschen Städtern falsch, und treuen Bauren treu,
Und kehrt in Dörfer ein, wo des Gewissens Enge
Den Handschlag sichrer macht, als alles Rechtsgepränge;
Wo noch des Landmanns Mund, nach Art der alten Welt,
Frucht, Molken, Käs' und Schmalz für Haubtgerichte hält,
Und, wann sich mit der Nacht die sichre Stille paaret,
Die Ruhe gähnend hascht, und schnarchend fest verwahret.
Man lieget, wenn noch jetzt das Sprichwort gelten soll,
Auf guten Betten hart, auf harten Betten wohl,
Und die Erfahrung kann durch manches Beispiel zeigen,
Der Schlaf, der güldne Schlaf, sei nicht den Reichsten eigen;
Der Arbeit süßer Lohn, die so viel Gutes schafft,
Der Schlaf, des Todes Bild, und doch des Lebens Kraft.

Gryphin! und du, Fatill! ersieht man in euch beiden
Den Zustand wahrer Lust und dauerhafter Freuden?
Dem einen raubet Geiz, dem andern Ueberdruß,
Durch lächerlichen Wahn, die Mittel zum Genuß;
Und beiden kann ihr Geld nichts Trefflichers gewähren,
Als jenem, reich zu sein, und diesem, zu verzehren.
Den Frieden mit sich selbst, der nimmer dem entsteht,
Der durch das innre Glück das äußre Glück erhöht,
Das Kleinod kennt ihr nicht. O sollt' euch dieses kränken,
Was könnte jenes euch für Trost und Beistand schenken!
Hüllt' euch des Schicksals Grimm, der Größre niederschlug,
In jenes grobe Wamms, das euer Vater trug,
Und sollt' es eurem Gut auch nur die Hälfte nehmen;
Euch würd' an Männlichkeit ein Knab', ein Weib beschämen.
Nur Tugend, die allein die Seelen wehrhaft macht,
Wird durch Gefahr und Noth nie um den Sieg gebracht.
Eilt Verres, nach dem Bann, aus seinem Vaterlande,
So schwärzt sein Afterglück das Laster und die Schande:
Doch ist der starke Held, vor dem Carthago floh,
Im Feld, im Capitol, im Elend Scipio.
Der Weise hat ein Loos, das seinen Werth entscheidet:
Verdienste, wo er gilt, und Unschuld, wo er leidet.
Zu seinem Wesen wird vom Zufall nichts entliehn:
Recht, Wahrheit, Menschenhuld und Tugend bilden ihn.
Er ist, o seltnes Glück! durch eigne Trefflichkeiten
Von Vorurtheilen frei, getrost zu allen Zeiten,
Im Purpur nicht zu groß, durch Kittel nicht entehrt,
Stets edler als sein Stand, und stets bewundernswerth.
Er folget der Natur, in deren schönen Werken
Wir weder Mangel sehn, noch Ueberfluß bemerken.
Er kennt, belacht und flieht mit rühmlichem Entschluß
Den geizigen Besitz, den üppigen Genuß,
Den irdischen Geschmack. Der Vorzug weiser Sitten
Macht alles herrlicher, und adelt auch die Hütten.
Gesundheit, innre Ruh, und äußre Sicherheit,
Und heiterer Verstand, das ist's, was ihn erfreut.
Die Weisheit wählet oft, um diesen nachzugehen,
Den niedern Aufenthalt, und nicht umwölkte Höhen.
Ist auch ein rauschend Glück von schweren Bürden frei,
Und fällt die Wahrheit nicht der alten Fabel bei,
Die ehmals Cervius, dem nie kein Märchen fehlte,
Dem schlurfenden Horaz vor seinem Herd erzählte?

Zur Feldmaus kam einmal die Stadtmaus in den Wald,
In ihren dürftigen, gehöhlten Aufenthalt.
Hier lebte sie genau, um Vorrath aufzusparen;
Allein, weil Wirth und Gast längst gute Freunde waren,
Und sie, bei schmaler Kost, doch Gästen reichlich gab,
So ging auch dieses Mal nichts der Bewirthung ab.
Das lange Haberkorn, als ihrer Ernte Gaben,
Die Kichern, die sie sonst, als einen Schatz, vergraben,
Halb abgenagten Speck, gedörrter Beeren gnug,
Die sie mit eignem Mund ihm jetzt zur Tafel trug,
Das bringt sie, um zu sehn, ob nichts sein Maul verführte,
Das jeden Bissen nur mit stolzem Zahn berührte;
Da unser Hausherr hier auf frischen Spalzen saß,
Ihm gern das Beste ließ, selbst Tresp' und Roggen fraß.

Wie? hebt der Städter an: kannst du auf diesen Höhen,
In diesem öden Wald dich so zufrieden sehen?
Stehn, statt der Wildniß, dir nicht Städt' und Menschen an?
Zeuch immer mit mir, Freund! wenn ich dir rathen kann.
Was ist uns allen mehr, als Sterblichkeit, verliehen?
Von dem, was irdisch ist, wird nichts dem Tod entfliehen:
Sogar ein Löwe stirbt. Es sterben Groß und Klein:
Wir aber schmausen noch. O laß uns fröhlich sein!
Leb' immer eingedenk, wie Jahr' und Zeit verfließen.
Freund! lebe so wie ich, des Lebens zu genießen.

Die Feldmaus, die den Rath sich sehr gefallen läßt,
Schickt sich zum Reisen an, und hüpfet aus dem Nest.
Sie eilen beide fort, die Stadt bald zu erreichen,
Und durch die Mauer sich, bei Nacht, hineinzuschleichen.
Den Himmel schwärzte schon die stille Mitternacht;
Da kommen diese zwei in einen Sitz der Pracht,
In eines Reichen Haus, wo scharlachrothe Decken
Des Lagers Helfenbein mit stolzem Glanz verstecken,
Und, zum gewünschten Fraß, vom gestrigen Banket
Der aufgehäufte Rest in vollen Körben steht.
Der Städter, der den Gast auf Purpur hingesetzet,
Und alles sucht und wählt, was Tellerlecker ätzet,
Läuft emsig, wie ein Wirth, der sich die Mühe kürzt,
Und, hurtiger zu sein, sich lustig aufgeschürzt.
Er will sich aufwartsam, ja Dienern gleich, erweisen,
Und bringet und kredenzt die aufgetragnen Speisen.
Die neue Lebensart erfreut die fremde Maus.
Wie vornehm ist ihr Sitz! wie köstlich ist der Schmaus!
Doch ein Geräusch entsteht, die Thür wird aufgerissen,
So daß sich Wirth und Gast urplötzlich trollen müssen.

Sie liefen, voller Angst, das Zimmer auf und ab:
Allein, was beiden noch ein tödtlich Schrecken gab,
War dieses, daß zugleich die großen Hund' erwachten,
Und durch das ganze Haus ein stark Gebelle machten.
Die Feldmaus zittert zwar, erholt sich doch, und spricht:
Ich scheide. Fahre wohl! Dies Leben dient mir nicht.
Die Höhl' und jener Wald soll mich, bei schlechten Wicken,
In freier Sicherheit, mehr als die Pracht, beglücken.