Friedrich von Hagedorn

Phryne

Als Phryne mit der kleinen Hand
Noch um der Mutter Busen spielte,
Nichts als den keimenden Verstand
Und den Beruf der Sinnen fühlte;
Da kam ihr schon, an jener Brust,
Das erste Lallen erster Lust.

Sie hatte kaum das Flügelkleid
Und einen bessern Putz empfangen,
So scherzten Witz und Freundlichkeit
In beiden Grübchen ihrer Wangen;
So stiegen aus der zarten Brust
Die regen Seufzer junger Lust.

O wie beglückt schien ihr das Jahr,
Das nun sie in Gesellschaft brachte,
Wo sie so oft die Schönste war,
So reizend sprach und sang und lachte!
Wie wuchsen sie und ihre Brust,
Und die Geschwätzigkeit der Lust!

Sie ward mit Anstand stolz und frei,
Und ihre Blicke pries die Liebe;
Der Spiegel und die Schmeichelei
Vermehrten täglich ihre Triebe,
Und ihr gerieth, bei reifer Brust,
Die sanfte Sprache schlauer Lust.

Die Oper, das Concert, der Ball
Erhitzten ihren Muth zum Scherzen.
Nur Phryne wies sich überall
Als Meisterin der jungen Herzen,
Und faßte, mit belebter Brust,
Die ganze Redekunst der Lust.

Doch wahre Sehnsucht nimmt sie ein;
Die Stolze läßt sich überwinden.
Ihr Scherz verstummt, ihr Muth wird klein,
Sie lechzt, und kann nicht Worte finden.
Denn ach! es wallt in ihrer Brust
Das Unaussprechliche der Lust.