Friedrich von Hagedorn

Lob unsrer Zeiten

Ihr Tadler, schweigt! ich will der Welt
Den Vorzug unsrer Zeiten melden.
O wißt, wohin mein Blick nur fällt,
In jedem Stand' entdeck' ich Helden.
Ich will der Menschen Lob besingen
Und schenke meiner Lieder Schall
Dem tonbegier'gen Wiederhall;
Der Plaudrer mag ihn weiter bringen.

Du tausendzüngiges Gerücht,
Ermüde nie im Ruhm der Zeiten;
Verschweige ja von ihnen nicht
Die hunderttausend Trefflichkeiten!
Der Priester lebt nach seiner Lehre;
Der Papst ist noch der Knechte Knecht;
Der Feldherr suchet nichts als Recht;
Der Handelsherr nur Treu' und Ehre.

Nichts übertrifft die starke Zahl
Gewissenhafter Advocaten,
Die alle Jahre kaum einmal
Die Rechte der Partei verrathen.
Wer wollte nicht die Aerzte preisen?
Stets bleibt's der Kranken Eigenschaft,
Daß alle der Recepte Kraft,
Lebendig oder todt, beweisen.

Wie reich ist die gelehrte Welt
An Wissenschaft und großen Geistern!
Den Dank, den ihr Bemühn erhält,
Darf Momus, unberufen, meistern.
Er will sich an Scribenten reiben,
Nur weil er selbst kein Lob gewinnt,
Und sagt, daß sie zu sittsam sind,
Zu spät und viel zu wenig schreiben.

Was grünt euch für ein Lorbeerhain,
Monarchen, Herrscher, Sieger, Retter!
Ach! könntet ihr unsterblich sein,
Durchlaucht'ge Fürsten, ihr wär't Götter.
Wer kann doch eure Tugend fassen
Und eurer Gaben Wechselstreit?
Ihr habt nichts als die Dankbarkeit
Und die Geduld uns überlassen.

Der Staatsmann, der an Würden groß,
Doch ungleich größer an Verstande,
Sitzt jedem König in dem Schooß
Und findet sich in jedem Lande.
Regenten wissen zu regieren!
Die Kunst zu herrschen lernt sich bald;
Denn alles steckt in der Gewalt
Der Hände, die den Scepter führen.

Der Britte, der die Fremden schätzt,
Will einem jeden sich verbinden;
Der stille Franzmann übersetzt,
Wir muntern Deutschen, wir erfinden.
Lobt in Iberiens Provinzen
Scherz, Freiheit, Wahrheit, Demuth, Fleiß;
Lobt auch der Belgen steten Schweiß
Und edlen Umgang mit den Münzen.

Wie groß und vielfach ist der Ruhm,
Mit dem der Europäer pranget,
Der vor der Ehre Heiligthum,
Auf so viel Wegen, angelanget!
Ich will kein Lob den Türken schenken;
Doch lernen sie uns ähnlich sein:
Sie künsteln Frieden, trinken Wein
Und reden immer wie sie denken.

Ist unsre Zeit so vorzugsreich:
Was wird denn künftig nicht geschehen?
Ihr Enkel, lebt und brüstet euch;
Ihr sollt noch größre Wunder sehen.
Nur eines bitt' ich von euch allen:
Laßt euch (dafern ihr jemals hört,
Wie sehr ich unsre Zeit verehrt)
Dieß eurer Väter Lob gefallen.