Paul Kraft

Die Entschwundene. I.

An M. S.

Dahin! Dahin! Du Leuchter des Altars,
Mädchen! auf ewig nun dahingesunken
Und ewig Blau des Blicks und Blond des Haars,
Darin ich lag, von Duft und Sonne trunken.

Ein anderer faßte diese zarte Hand,
Nicht glücklicher als ich und nicht beneidet,
Denn was ist zärtlicher als dieser Brand
Und diese sanfte Sehnsucht, welche leidet?

Dein Platz ist leer. — Wenn ich ihn wiedersehe,
Wird Kälte aus der Leere auf mich schäumen
Und Sehnsucht sich nach deiner leichten Nähe
In meiner Seele auf zum Gotte bäumen

In milder Traurigkeit und dieses denken:
O dumpfe Qual des ewigen Entferntseins!
Es war so schön, dies selige Sich-versenken
Und diese Lust entbebtesten Besterntseins . . .

Doch was ist dies, dem ewigen Glück vergleichbar,
Das einst und immer noch mich süß durchquillt:
Bist du auch meinem Auge unerreichbar,
Ist meine Seele doch von dir erfüllt.

Denn dieses frag’ ich wieder, immer wieder:
Was ist denn Wirklichkeit? Nichts ist sie, nichts!!
Vor dem Erträumten stürzt die Seele nieder,
Erschüttert von der Größe des Gesichts.

Denn dies frag’ ich: Was wären Worte, Sätze,
Und wenn sie tausendstrahlig mich bespülen,
Was gegen dieses ungeheure Fühlen,
Mit dem ich meine Seele jetzt benetze?

Da ich dich sah, wurdest du riesengroß
Und wuchsest blau im Feuer meiner Strophen
Und warfst dich, angefacht und grenzenlos,
Blonde! Flamme! in meiner Seele Ofen.

Als du entfernt warst, wurdest du Emblem
Von Güte, Mitleid, Wollust, Stern und Gold
Und wurdest von dem Wolken-Diadem
Des Gottes selbst durchrollt

Und ließest stählern mich in dir erhärten,
Denn deine Güte, deiner Stimme Gärten,
Denn deines Gangs befeuernde Gewalt,
Denn deine Blondheit ward in mir Gestalt.

Und ob ich dich auch niemals wiedersehe,
Mein Herz ist leicht und wie noch nie geschwellt,
Denn deine goldene, ungeheure Nähe
Braust stets in ihm und, wie sie es erhellt,
Stellt es in Feuer-Hymnen in die Welt.

Da du verloren, bist du erst gewonnen,
Auf immer mir entrückt, entrückst du mich,
Und meine Sehnsucht kreist wie tausend Sonnen
In nie erlebter Strahlen-Kraft um dich.

Aufloht dein Haar und Aug’ und Kleid und Gang,
Schlägt brennend in das Blau, wird selbst zum Blau
Und löst sich auf in dem Triumph-Gesang
Entfachter Stärke und geballt im Klang
Von Härte, Locken, Mut und Morgen-Tau.

— So sei gegrüßt und für die Fahrt gesegnet,
Mädchen! Für immer Stern aus meiner Krone,
Auf die, — in Zärtlichkeit zu seinem Sohne —
Der Väterliche auf dem Wolken-Throne
Feurige Flut der letzten Güte regnet.