Wolfgang Madjera

1907

Neujahrsgruß an den Wiener »Schubertbund«.

Es gibt eine arme, unschuldige Zahl,
Die viele Menschen nicht lieben;
Gar manchen versetzt sie in Nngst und Qual -
Man nennt sie die »böse Sieben«.

So fällt auch mancher dem neuen Jahr
Nicht gern sein Punschglas erklingen:
Wenn der Sechser schon wenig erfreulich war,
Was wird erst der Siebner uns bringen!

Nun wohl, es ist mit der Siebenzahl
Nicht immer Gutes verbunden:
Es fällt der Gerechte siebenmal,
Bevor ein Tag entschwunden;

Es locken der Laster sieben die Welt
Mit süßen, gleißenden Gaben;
Es sind zu Patronen der Dummheit bestellt
Einfältige sieben Schwaben.

Das Land der Egyter litt fürchterlich
In sieben mageren Jahren;
Und ebensolang lagen Deutsche sich
In den blonden Bruderhaaren.

Doch schuf auch der Herrgott das Weltgebäu
In sieben Tagen, so heißt es,
Und versprach den Guten, die ihm getreu,
Die sieben Gaben des Geistes

Und sieben Quellen der Gnade, ja, mehr:
Des siebenten Himmels Wonne,
Wo die sieben Planeten und ihr Heer
Sich schwingen um die Sonne.

Auch sieben Wunder von Menschenhand
Erfüllten die Welt mit Entzücken
Und sieben Weise von Griechenland
Erbauten zum Ewigen Brücken.

Des Siebengestirnes flimmernde Glut
Vermag den Schiffer zu lenken;
Von sieben Seen die bläuliche Flut
Wird durstige Städter tränken.

In siebenfältiger Farbenpracht
Wölbt sich der Regenbogen;
Der Pinsel des Malers hat seine Macht
Aus diesen Farben gesogen.

Und wie, du teure Sängerschar,
Bezaubert uns deine Kehle?
In sieben Tönen wunderbar
Wohnt jeden Liedes Seele!

Mit diesen Sieben im neuen Jahr
Wirst du uns wieder begeistern,
Wie es von je deines Brauches war,
Geführt von herrlichen Meistern.

Und hat ein Siebner vor langer Zeit
Franz Schubert in's Leben geleitet,
Wird auch euch, die ihr seines Stammes seid,
Vom Siebner nichts Böses bereitet.

Wohlan, im Zeichen heiliger Kunst
Voll Hoffnung das Jahr begonnen!
Sei heuer der Lorbeer der Göttergunst
Euch reichlich wie immer gewonnen!