Wilhelm Müller

Der Elfentraum

In Nachtviolenkelchen eingeschlossen,
Verschliefen einen heißen Tag die Elfen.
Nun öffnen sie die schummertrunknen Augen
Und blinzeln, weil zu nah die Funkenwürmchen
Um ihre Lager schwärmen. – Gut geschlafen?
Frägt Ariel sein Liebchen Ariella. –
Ach nein, mein Herz, ich hatte bange Träume.
Ich sahe dich, du warst in einen Tropfen
Eiskalten Thau, der tief versteckt im Kelche
Der Nachtviole lag, hineingefallen.
Ich schrie und rief zu Hülfe, was von Elfen
Im ganzen Kelche war – sie kamen alle,
So weit sie meine Stimme nur vernahmen,
Bis von den allerhöchsten Blätterspitzen –
Ach ja, die Noth lehrt schreien, mein Geliebter!
Und flugs hing eins sich an des andern Flügel,
Wie Glieder einer Kette sich verbindend,
Und unsre Kette ward so lang, mein Herzchen,
So lang, wie ich gesehn noch keine andre,
Selbst nicht bei unsres Königs Hochzeitfeier,
Im großen Reigen, welchen alle Gäste
Mittanzen mußten auf dem Lilienplane.
Ich war das unterste der Glieder, wurde
Hinabgelassen in den tiefen Tropfen,
Und sahe dich – du lagst und zappeltest
Und strecktest sehnlich deine lieben Arme
Zu mir empor – ich aber sehnt' und dehnte
Mich aus mit allen Kräften – Ach, vergebens!
Die Kette war zu kurz, und alle Elfen
Schrien hinter mir: Sie reißt, sie reißt, die Kette!
Da wacht' ich auf und lag in deinen Armen
Und mußte dich mit meinen Küssen wecken,
Zu sehn, ob du auch wirklich unversehrt bist.