Wilhelm Müller

Amor, ein Schneider

Amor ist ein Schneider worden,
Näht die ersten runden Mieder
Für die jungen Erdentöchter,
Näht hinein viel kleine Seufzer,
Viele leise, blöde Wünsche,
Bange Neugier, scheue Lüstchen,
Und viel süßes Namenloses.
Manche Nadel bleibt zerbrochen
Zwischen Zeug und Futter sitzen,
Die nachher den Busen stachelt
Und das Herz lebendig kitzelt.
Auch manch Tröpfchen seines Blutes
Läßt der Gott aus Nadelwunden
In das weiche Linnen fallen.
Hütet euch vor solcher Waare!
Denn die rothen Tropfen brennen,
Unaufhaltsam, unerlöschlich,
Sich durch Adern, Fleisch und Nerven
Bis in's tiefste Herzensgrübchen.