Wilhelm Müller

Abendlied

(Entnommen: Nachlese)

Eia, was ist doch der Abend so schön!
Wenn von dem Himmel die Sternlein blitzen,
Wenn vor den Türen die Mägdlein sitzen,
Und wir Bursche vorüber gehn!
Eia, was ist doch der Abend so kühl!
Wenn in die Brunnen die Eimer sich tauchen,
Wenn auf den Bächlein die Nobel rauchen,
Blümlein sich bergen in's grünende Pfühl.

Eia, was ist doch der Abend so still!
Liebchen, am Fensterlein steh' ich zu lauschen,
Hör' ich ein Schreiten, ein Flüstern, ein Rauschen,
Hör' ich, was Liebes nur hören ich will.

Eia popeia, mein Kindchen, gut' Nacht!
Hör' ich fern Schreiten, kein Rauschen, kein Flüstern,
Hör' ich nur leise dein Lämpchen noch knistern —
Knistre, du Lämpchen, bis Liebchen erwacht!

Eia, ihr Träume, und wecket sie nicht!
Rings um das Flämmchen die Mücken schwirren,
Und meine bangen Gedanken irren
Scheu um ein seliges, schlummerndes Licht.