Wilhelm Müller

Die Schärpe

(Entnommen: Nachlese)

Es war eine Königstochter,
Blauäugig, lilienschlank,
Die spann eine silberne Schärpe
Viel Sommermonde lang.

Sie saß auf hohem Stuhle
Vor ihres Schlosses Tür,
Im hellen Mondenscheine,
Und webte für und für.

Da zogen viele Ritter
Alltäglich aus und ein,
Und jeder dacht' im Herzen:
Weß wird die Schärpe sein?

Sie sah nicht auf vom Werke,
Hielt keiner Frage Stand;
Sie stickte ihren Namen
Schwarz in das weiße Band.

Da kam ein Sturm geflogen
Hoch von den Bergen her,
Und riß vom leichten Rahmen
Die Schärpe fort in's Meer.

Die Magd saß unbetroffen,
Als müßt' es also sein,
Stand auf von ihrem Sessel
Und ging zur Kammer ein.

Sie zog aus ihrer Lade
Ein schwarzes Trauerkleid —
Wer trug um eine Schärpe
Wohl je so schweres Leid?

Drei Tage und drei Nächte
Sie saß in dunkler Tracht:
Da tönt das Horn des Wächters
Wohl in der dritten Nacht.

Ein Bote hält am Tore,
Trägt ferne Kunde her:
Gescheitert schwimmt die Flotte
Des Königs auf dem Meer.

Und an das Ufer warfen
Die Wogen mit der Flut,
Viel edle Heldenleichen,
Viel reiches Heldengut.

Es stand die Königstochter
An ihrem Fensterlein:
»Sag', Bote, was flattert am Arme
So hell dir im Mondenschein?«

Es ist eine silberne Schärpe,
Die bring' ich her vom Strand,
Da wand ich einem Ritter
Sie aus der starken Hand.

»Deß tätst du dich nicht rühmen,
Wenn der am Leben wär'!
Geh', trag ihm deine Beute
Zurück zum blauen Meer.

Und wenn ihr ihn begrabet,
Legt auch die Schärpe bei,
Und nebem seinem Lager
Laßt eine Stätte frei.«