Wilhelm Müller

Bräutigamswahl

(Mönkgut.)

Meine Schürze hat Mutter an's Fenster gehangen,
Da sind viele Bursche vorübergegangen,
Sprach Mutter: Jetzt hole dir Einen in's Haus!
Ich seufzte, ich weinte und sah nicht hinaus.

Er ist ja doch nicht mit vorübergegangen,
Auf den ich gerichtet mein heißes Verlangen.
Wer trägt ihm die Zeitung weit über das Meer
Und holt ihn zur fröhlichen Brautjagd her?

Ich möcht' an den Mast meine Schürze binden,
Ich möchte sie geben den Wogen und Winden:
Und säh' er sie wehen von fern in der Luft,
Er würd' es wohl ahnen, wohin sie ihn ruft.

Und soll dem Erwählten mein Tüchlein ich senden,
Ich trag' es zu ihm mit eigenen Händen,
Ich werf' es in's wogende Meer hinab:
Schwimm', Tüchlein, und sag' ihm, wie lieb ich ihn hab'!

Und ist er nicht über den Fluthen zu sehen,
So mußt du tiefer hinuntergehen,
Und wo er mag liegen und pflegen der Ruh',
Da breite dich über und deck' ihn mir zu.

Und ruft ihn ein Engel zum jüngsten Gerichte,
Da fühlt er das Tüchlein auf seinem Gesichte,
Und merket in seinem erwachenden Sinn,
Wie treu ich im Tod ihm gewesen bin.


Anmerkung von Wilhelm Müller:
Bräutigamswahl. Die Erbtöchter auf Mönkgut wählen oder wählten wenigstens vor Jahren sich ihren Bräutigam selbst. Zu diesem Behufe ward eine Schürze aus dem Fenster des Hauses der Heirathslustigen herausgehängt. Auf dieses Zeichen zogen die jungen Bursche des Dorfes oder der ganzen Halbinsel vorüber, und die Erbtochter ersah sich einen derselben zu ihrem Eheherrn. Diesem schickte sie in der folgenden Nacht ein seidenes Tuch zum Pfande ihrer Wahl, die Annahme desselben war sein Jawort.