Wilhelm Müller

Der Greis auf Hydra

Ich stand auf hohem Felsen, tief unter mir die Fluth:
Da schwang sich meine Seele empor in freiem Muth.
Ich ließ die Blicke schweifen weit über Land und Meer:
So weit, so weit sie reichen, klirrt keine Kette mehr.
So weit, so weit sie reichen, kein halber Mond zu sehn,
Auf Bergen, Thürmen, Masten, die heil'gen Kreuze wehn.
So weit, so weit sie reichen, es hebt sich jede Brust
In eines Glaubens Flamme, in einer Lieb' und Lust;
Und Alles was uns fesselt, und Alles was uns drückt,
Was Einen nur bekümmert, was Einen nur entzückt,
Wir werfen's in das Feuer, wir senken's in die Fluth,
Die wogt durch alle Herzen in einer heil'gen Gluth.
Ich sehe Schiffe fahren – die stolze Woge braust –
Ist es der Sturm der Freiheit, der in die Segel saust?
Heil euch und eurer Reise! Heil eurer schönen Last!
Heil eurem ganzen Baue vom Kiele bis zum Mast!
Ihr steuert durch die Fluthen nach einem edlen Gut,
Ihr holt des Sieges Blume, die wächst in Heldenblut.
Es donnert aus der Ferne – ist es der Gruß der Schlacht?
Ist es der Wogen Brandung, die an die Felsen kracht?
Das Herz will mir zerspringen bei dieses Donners Ton –
Ich bin zu alt zum Kampfe und habe keinen Sohn.