Wilhelm Müller

Crucifigite eum!

Welch ein Pharisäertroß tobet durch die vollen Gassen?
Wollt ihr Christum noch einmal an das Kreuzholz schlagen lassen?
Kreuzigt ihn! so hör' ich sie alle triumphirend rufen,
Und sie stürmen, wild gedrängt, des Palastes hohe Stufen.
Kreuzigt ihn! so rufen sie, und ich seh' sie Kreuze schlagen,
Über ihre Brust, auf der sie viel bunte Kreuze tragen.

»Was ihr dem Geringsten thut aus der Zahl der lieben Meinen,
Dieses thut ihr mir und ihm, der mich hieß der Welt erscheinen.«
Also sprach der Heiland einst, und die Pharisäer wissen,
Wo der Spruch geschrieben steht, denn sie sind auf's Wort beflissen.
Pharisäer, haltet ein! Habt ihr nicht den Spruch gefunden?
Seht, es brechen blutend auf Jesu Christi tiefe Wunden!
Seht, es rinnt der rothe Schweiß kalt von seinen Schläfen nieder,
Und er ruft: Erbarme dich, Vater über meine Brüder!
Meine Brüder, die für mich werden an das Kreuz geschlagen,
Die der Heiden Joch für mich nach der Schädelstätte tragen!
Wie viel Augen, die auf dich blickten, sind hier ausgestochen!
Wie viel Herzen, die auf dich hofften, sind Qual gebrochen!
Wie viel Zungen, die dein Lob sangen, sind hier ausgeschnitten!
Wie viel Hände abgehaun, die für deine Kirche stritten!
Wie viel Lämmer deiner Flur raubt' der Wolf in seinem Grimme,
Ehe noch ihr Herz erkannt ihres treuen Hirten Stimme!
Pharisäer, habt ihr noch Stimme, »Kreuzigt ihn!« zu rufen?
Zittern eure Füße nicht nieder von den hohen Stufen?
O so mög' ein Donnerschlag euch des Odems Hauch benehmen,
Und ein Blitz vom Höllenpfuhl eure starren Kniee lähmen!