Wilhelm Müller

Achelous und das Meer

»Achelous, Achelous, sag', was toben deine Wellen?
Haben Pindus weiße Gipfel dich berauscht mit jungen Quellen?
Rissen wasserschwere Wolken sich an seinen scharfen Spitzen
Von einander und entluden sich mit Donnern und mit Blitzen?
Sag', woher der wilde Taumel, welcher häuptlings deine Wogen
Stürzt in meine stillen Fluthen, die kein Wind hat überflogen?«

Keine junge Wasserquelle hat berauscht mich alten Zecher,
'S ward kein Wasserschlauch zerrissen von dem jähen Wolkenbrecher.
Was ich taumle? Was ich stürze? Was es tobt in meinem Bette? –
Vater Ozean, o daß ich warmes Blut für dich noch hätte!
Warmes Blut hab' ich getrunken, warmes Blut in vollen Zügen,
Warmes Blut der freien Griechen, die an meinen Ufern liegen,
Hingestreckt auf Lorbeerzweigen, überweht von Siegesfahnen,
Hoch umrauscht vom Geisterreigen ihrer Brüder, ihrer Ahnen.
Solches Blut hab' ich getrunken heut' von den Agräer Fluren –
Fragst du auch nach Sklavenblute? – In Morästen such' die Spuren
Seiner Ströme; jeden lauen Tropfen hab' ich ausgespieen:
Freies Griechenblut nur trank ich, kannt' es wohl an seinem Glühen.
Vater Ozean, da fing ich an von alter Zeit zu träumen
Und von junger Freiheitswonne brausend mich emporzubäumen,
Also daß des Ufers Bande mich nicht länger konnten halten,
Daß erzitterten die Ebnen und die Berge wiederschallten.
Nimm mich auf, du Weltumarmer, trage meine hohen Wogen
Ungemischt und ungebändigt, mit dem Blut, das sie gesogen,
Fort gen Norden und gen Westen, daß sie an die Ufer schlagen,
Und den Felsen und den Menschen laute Kund' aus Hellas sagen!