Wilhelm Müller

Der blaue Mondschein

1815.

Ach Söhnchen, liebes Söhnchen,
Was suchst du nur immer allein?
Du wirst dich schier verirren
Im trüglichen Mondenschein.

Ach Mutter, liebe Mutter,
Ich bitt' euch, laßt mich sein,
Ich werde mich nimmer verirren
Im treuen Mondenschein.

Ach Söhnchen, liebes Söhnchen,
Wie sind deine Wangen so blaß!
Du wirst dich schier verkälten
Im thauigen Wiesengras.

Ach Mutter, liebe Mutter,
Das mach' euch keinen Harm:
Wollt nur auf's Herz mir fühlen,
Bin viel, ach viel zu warm.

Ach Söhnchen, liebes Söhnchen,
Du treibst mit mir wohl Scherz?
Dir wären Puppen und Stecken
Viel besser als ein Herz.

Ach Mutter, liebe Mutter,
Wollt doch nur über euch sehn:
Die Augen, die blauen da droben,
Wie leuchten sie heute so schön!

Ach Söhnchen, liebes Söhnchen,
Laß solche Rede sein:
Ich sehe doch nur den Himmel
Und drin den Mondenschein.

Ach Mutter, liebe Mutter,
Ihr müßt geblendet sein,
Die Augen, die blauen, sie stehen
Ja mitten im Monde drein.

Sie schauen so sehnlich hernieder,
Sie blinken und winken mir zu.
Ach Mutter, könnt' ich doch fliegen!
Hier hab' ich keine Ruh'.

Ach Söhnchen, armes Söhnchen,
Welch böser Narrenwahn!
Dir hat eine arge Hexe
Ein Leides angethan.

Komm laß uns gehn nach Hause
Und stell' dein Äugeln ein:
Es sind keine guten Geister,
Die schweben im Mondenschein.

Sie faßt den Knaben am Arme
Und zieht ihn fort und fort,
Da hilft kein Sträuben, kein Weinen,
Kein gutes, kein böses Wort.

Sie führt ihn in die Kammer,
Sie schließt die Laden zu:
Mein Söhnchen, hier lege dich nieder
Und schlaf' in guter Ruh'!

Ach Mutter, liebe Mutter,
Nie hab' ich Ruhe hier,
Die Augen, die blauen, sie scheinen
Ja hell durch Wand und Thür.

Der Knabe legt sich nieder
Und drückt die Äuglein zu,
Die Mutter weint und betet:
Gott geb' ihm sanfte Ruh'!

Und als der Morgen dämmert,
Da liegt der Knabe todt,
Die Äuglein stehn ihm offen,
Sein Mund ist rosenroth.

Und durch die Kammer flimmert
Ein wunderlicher Schein,
Es ist keine Morgenröthe,
Kann auch der Mond nicht sein.

Er schillert hell und trübe
In himmmelblauem Licht,
Er kränzt mit Strahlenblumen
Des Kindleins Angesicht.

Und die den Schimmer sahen,
Die beklagen den Knaben nicht mehr,
Und der dies Lied gesungen,
Dem ward es gar nicht schwer.