Wilhelm Müller

Der Einsame

Durch die dunkelgrünen Zweige,
Durch den düfteschweren Himmel
Silberweißer Blüthensterne
Schaun mit großen Flammenblicken
Die Orangen nach der Sonne,
Die in rosenrothem Lichte
Wiederscheint aus glühen Wogen,
Bange Scheidegrüße winkend.

In den Oleanderlauben,
Um die weißen Marmorbilder
Muntrer Nymphen und Tritonen,
Die aus Hörnern und Syringen
Kühle Silberschäume sprudeln,
Lagern sich zum Abendspiele
Mit der Zither, mit dem Balle,
Mit den ritterlichen Dienern
Zierlich die geschmückten Frauen,
Und die schlanken Pagen fliegen,
Und die Funkenwürmchen flattern
Durch die Reihen, durch die Myrten.

Und der Wandrer geht vorüber
An den Lauben, an den Spielen.
Nach den fernen blauen Höhen
Muß er schauen, muß er ziehen,
Wo aus nächtigen Zypressen
Heimlich ein vertrauter Schimmer
Auf den Fremdling niederstrahlet.
Treue, bleiche Mondensichel,
Suchst du mich, willst du mich rufen? —
Schüchtern, wie die junge Liebe,
Hüllst du dich in rothe Wolken

Vor des Festes heitern Blicken:
Aber Augen, naß und selig,
Starren auf zu deinem Lichte,
Suchend nach zwei andern Augen,
Die, wie sie, sich drinnen spiegeln.

Rom, den 22sten Juni 1818.