Wilhelm Müller

Dem elterlichen Brautpaare

am Vorabende seiner silbernen Hochzeit,
den 21. Mai 1821.

Zu des Silberfestes Feier,
Zu der Kränze Silberschein
Sollte wohl in Silbertönen
Auch ein Lied gesungen sein,
Silberhell, wie Eure Freude,
Silberhell, wie unsre Lust,
Silberrein, wie treue Liebe,
Klingend aus der warmen Brust.

Doch des eignen Bundes Feier
Macht die vollen Herzen bang':
Was wir Euch zu sagen haben,
Klingt, wie unser Festgesang.
Eure Liebe, Eure Treue,
Eurer Eintracht schönes Bild
Strahlt uns vor, auf unserm Pfade,
Als ein Leitstern, klar und mild.

Was Ihr heut' im Silberlichte
Der Erinnrung überschaut —
Ferne nur im Maß der Zeiten,
Euern Herzen nah und traut —
In der Hoffnung Zauberspiegel
Glänzt es rosenroth zurück,
Steigend aus der Zukunft Tiefen
Neu empor, als unser Glück.

Unser Glück und auch das Eure —
Liebe bricht die Macht der Zeit,
Knüpft zur Ewigkeit zusammen
Zukunft und Vergangenheit:
Nicht der karge, flücht'ge Tropfen,
Den man Gegenwart benennt,
Ist der freien, reichen Liebe
Heimathliches Element.

Vor ihr, hinter ihr sind Meere,
Unermeßlich tief und weit,
Wo Erinnerung und Hoffnung
Aufbewahrt den Raub der Zeit.
Alles, was wir treu empfunden,
Alles, was wir treu erstrebt,
Finden wir in diesen Fluthen
Wieder, jung und neubelebt.

Laßt als Vater denn und Mutter,
Laßt als bräutlich junges Paar,
Euch begrüßen und bekränzen
Mit dem Silberkranz das Haar.
Unverwelklich, wie die Treue,
Leuchtet er mit mildem Schein,
Möcht' Euch Bild vergangner Tage,
Bild Euch auch der Zukunft sein.

Und wohl Mancher möchte fragen,
Der nicht weiß, was hier geschieht,
Wenn im Flor der jungen Lieb':
Unser Paar er prangen sieht:
Warum habt ihr nicht mit Myrten
Dieser Braut das Haar geschmückt?
Und wie ist in ihren Finger
Schon so tief der Ring gedrückt?

Könnten wir in's Herz Euch schauen,
Würd' uns wohl das Räthsel klar,
Und wir sähn es silbern leuchten,
Silbern, wie aus Euerm Haar:
Über dem gediegnen Silber
Spielt der leichte Silberschaum,
Der mit bunten Blumenbildern
Kränzt der ersten Liebe Traum.

Herrliches Metall der Liebe,
Ohne Rost und ohne Riß!
Kann die Zeit noch alchymiren,
Macht sie es zu Gold gewiß.
Edleres ist nicht zu finden,
Wertheres der Wunderkunst;
Mögen Sonn' und Sterne schenken
Zu dem Werke ihre Gunst!