Wilhelm Müller

Bei Überreichung eines silbernen Bechers an einen Jubellehrer

(1827.)

Wir bringen dir zur Jubelfeier
Den ersten vollen Becher dar.
Heil dir, du Guter, du Getreuer,
Im ehrenreichen Silberhaar!
So trink' und laß den Trank dir sagen
Und unsrer Gläser hellen Klang,
Wie rein und warm die Herzen schlagen
Ringsum für dich in Lied und Dank!

Schau' um dich in der Tafelrunde!
Erkennst du deine Schule nicht?
Die Väter, die aus deinem Munde
Geschöpft der jungen Weisheit Licht,
Sie, deren Kinder du empfangen
In deiner treuen Lehre Hut:
Wer frägt sie wohl, welch ein Verlangen
Sie vor den Lehrer wieder lud?

Aus ihren Augen strahlt es allen,
Was sie vereint, was sie bewegt;
Laß dir das Opfer Wohlgefallen,
Das jeder dir entgegenträgt!
Und wie man an dem Erntefeste
Dem Säer reicht das volle Glas,
So weihen dir die Jubelgäste
Im Silberkelch das goldne Naß.

Du bist dem Säer zu vergleichen,
Der fünfzig Jahre lang gesät
Auf vielen Äckern, harten, weichen,
Mit Lust und Plage, früh und spät.
Und langsam reifen diese Saaten,
Der Säer schmeckt die Früchte nicht;
Es frägt die Welt nach lauten Thaten,
Und stille schafft des Lehrers Pflicht.

Sein Erntetag ist nicht hienieden,
Gott sammelt ihm die Ähren ein;
Die Arbeit, die ihm hier beschieden,
Wird dort das Maß des Lohnes sein.
Und gehst du diesem Ziel entgegen,
Geh' langsam auf dem schönsten Pfad
Und ahn' im kleinen Erdensegen
Die Himmelsernte deiner Saat.