Wilhelm Müller

Der Birkenhain bei Endermay

Der Frühlingshauch, der Morgenschein
Ruft zum Gesang die Vögelein;
Und wenn es singt auf jedem Zweig,
Wird jede Brust so liebeweich.
Jetzt, Liebchen, laß uns werden klug
Und denken an der Stunden Flug
Und jeden Tag der Liebe weihn
Bei Endermay im Birkenhain!

Bald kommt der Winter von dem Jahr,
Bald, ach! der Liebeswinter gar;
Auch deiner Jugend Blüthe fällt,
Wie alle Blumen auf der Welt:
Dann geht die Lust zum Scherzen aus,
Die Flügelsänger ziehn nach Haus,
Dann wird's zu spät zur Liebe sein;
Ade, du schöner Birkenhain!

Sieh rundumher, durch Berg und Thal
Die Heerden ziehn mit Glockenschall;
Da hüpft und springt mit munterm Sinn
Das Lämmlein um die Mutter hin,
Die ems'ge Biene summt und schwirrt, —
Laß, Liebchen, uns auch stimmen ein
Bei Endermay im Birkenhain!

Horch, Liebchen, wie der Wasserfall
Zur Liebe ruft mit lautem Schall,
Die Woge spielt im Silberschein
Und blanke Fischlein springen drein,
Die Sonne prangt im Herrscherglanz,
Umkreist von der Planeten Tanz;
Laß uns mit ihnen lustig sein
Bei Endermay im Birkenhain!