Christa Schyboll

Baumreise

Als mein Kind unter deinen Zweigen schlief
War ich es, der deine Geister rief
Sehnsuchtsvoll wollt ich genießen
Mit dir, mein Baum, jetzt zu verfließen

Ich versenkte mich und spürte dann
Wie ich zum Wurzelwerk gelang
In den feinsten Enden, die schon ganz weich
Erfühlte ich warmes Bodenreich

Erdengeruch und kleinste Wesen
Sind vielfältig um mich herum gewesen
Kurz wollte ich in deinen feinen Fasern wohnen
Dann zog es mich sanft in höhere Regionen

Mein Weg ging in dein hartes Geäst hinein
Dort spürte ich pulsierenden Säftewein
Der süß stärkend durch mein Ganzes strömt
Ich habe mich daran verwöhnt

Als ein Gast in dir, meine Trauerweide,
Schwomm ich auf einem Strom wie Seide
Durch das nach außen harte Ästegewerk
Hab ich mannigfaltige Biegsamkeiten bemerkt

Stark waren die Wurzeln unter deinem Stamm
Bis ich endlich in deinen Kern gelang
Ich fühlte mich fast schon in meiner Welt
Weil so vielfältig Leben um mich war gesellt

Die Schichten bis zum äußeren Rand
Vermischten sich feinst im Jahresband
Langsames Atmen durchzieht deine Glieder
Kaum vernehmbar - und doch spür ich immer wieder

Dass langsames Atmen ein Grund ist
Warum dein Leben langsamer fließt
Auf Erdengrund, als Menschenleben
Andere Bedingung ist dir gegeben

Ich führte meine Reise dann fort
Und gelangte an deinen Gipfelort
In deine Krone, hoch im Licht
Dort weitete sich auch meine Sicht

Von deiner Weise, die Welt zu erkennen
Du könntest so vieles mit Namen benennen
Hätte ich nur rechte Worte zur Hand
Die deine innere Sprach verstand

Gelassen scheinst du hier zu steh’n
Und die Welt aus deiner Sicht zu seh’n
In dir jetzt verschmolzen sah ich dort
Dein Bewusstsein führt ja noch viel weiter fort

Mit jedem Blatt, dass du abwirfst zur Erde
Nimmst du auch Anteil an jeder Gebärde
Die dich auffängt und nimmt
Kompostiert oder bestimmt

Und dies ist so vielfach wie Blätter du gibst
Und jede neue Erfahrung so liebst
Jedes Blattbewusstsein gibt energetisch verzückt
An dich, dein Ganzes, sein Wissen zurück

Es erzählt dir zum Beispiel wie Kinder es fanden
Und es auf ein kleines Schiffchen als Segel banden
Oder ein Pfützenerlebnis, durch welches ein Auto rast
Die Weide nebenan, auf der eine Kuh gegrast
Die es frisst und verdaut
Oder wie auf nackter Haut
Eines Menschen das kleine Blatt getragen
Unendliche Erlebnisse an allen Tagen

Die du mein Baum, bei deiner stillen Gelassenheit
Verarbeitetest eine sehr lange Zeit
Bis im Herbst der nächste Abwurf kommt
Und es dich nach neuen Erlebnissen frommt

Beim Sinnen in dir, merke ich sehr
Wie unendlich viel und unendlich schwer
Es ist, von deinem Wesen zu schreiben
Will man nichts von dir verschweigen

Das hier Beschriebene ist nur ein winziger Teil
Dein wahres Wesen hält Unendlichkeiten feil
Meine Reise muss ich beenden des Kindes wegen
es fängt sich schon leise unter deinen Zweigen zu regen

Sein Schlaf war ein tiefer, mein lieber Baum
ich hoffe, es hatte einen stärkenden Traum