Christa Schyboll

Adieu

Weich gezeichnet
Deine Knochen
Unterm faltigen Gesicht

So schlaff die Hand
Die mir Märchen
Mit so feinen Gesten
Zu erzählen wusste

Weiß dein dünnes Haar
Dem letztes Grau entschwand
Und sauber
festgeknotet
Den gebeugten Nacken ziert

Drückt in den letzten Stunden
Dich das Leben
Das du nie gelebt
Oder die Sünde
Die du nie begangen
Die Lust, die unverbraucht
Sich in den letzten Augenblicken
Vereinsamt durch die Sinne schleicht

Schleppend lang die vielen wachen Nächte
Die den späten Tod willkommen heißen
Derweil in anderen Häusern er die Früchte schnitt
In dieser Nacht hat er dein Körperhaus betreten

Bevor wir scheiden:
Sprich ein letztes mal zu mir!
Aus deinem Antlitz lass
die Sonnen
Des Vergangenen aufblitzen
Bemale mir Erinnerungen
mit den unbenutzten Farben
Deines grau gewordenen Lebens

Drück mir sanft
Mit welk gewordener
Hand
Zukunft in die Innenfläche meiner Rechten

Berühr mein junges Fleisch noch einmal
Und schick mir mit dem letzten Blick der Augen
Ein Adieu