Johann Gabriel Seidl

Ännchen von Tharau

Zur Pastors-Tochter, Ännchen von Tharau, ins Gemach
Trat einst zur Morgenstunde der Dichter Simon Dach.
Sie stand am Gartenpförtchen vor einem Marmortisch,
Und auf dem Tisch ein Körbchen mit Blumen bunt und frisch.

Sie hatt' ein seiden Mieder voll buntem Zierat an,
Ein blauer Saphir glänzte bedeutsam vorne dran;
Doch ihren dunklen Locken, der Zeit zuvor geschmückt,
War gar ein herzig Kränzlein von Astern aufgedrückt.

Ein Perlenarmband küßte das weiße Handgelenk:
So stand sie lächelnd, einzig nur ihres Schmucks gedenk.
Und hinten durch das Gitter kam leise Simon Dach,
Schlich hin, besah sie schweigend und seufzte tief und sprach:

»Mein Ännchen, lächelnd stehst du, dein Reiz ist deine Welt,
Du dünkst dich wie die Blumen, so du als Zier bestellt;
Du freust dich, daß die Wangen dir wie die Rosen blühn,
Daß deine lieben Augen wie helle Sterne glühn.

Du bist mit deinen Locken vorausgeeilt der Zeit,
Und daß man drum dich ansieht, das ist es, was dich freut.
Ein Saphir schmückt dein Mieder, den dir ein andrer gab,
Das ist's nun, was ich freilich dir nicht zu geben hab'.

An deinem Händchen schimmert ein buntes Perlenband,
Das dir mein Nebenbuhler, um mich zu höhnen, wand.
O Ännchen, einst mein Schätzchen, mein Schäfchen und mein Huhn,
Tu, was dein Herz gelüstet, – doch glaubst du recht zu tun?

Der mir dein Herz entwendet, ist reich – und das ist viel,
Er gibt dir Perl' und Saphir und Gold und Modespiel;
Doch Perl' und Stein erblindet, und Gold ist ungetreu,
Und mit den Reizen ist auch das Modespiel vorbei.

Ich bin ein armer Dichter, heiß' aber Simon Dach,
Und wohl durch hundert Jahre klingt noch mein Name nach;
Und Ännchen heißt das Mädchen, so sich der Dach ersehn,
Und mit ihm wird sein Ännchen durch hundert Jahre gehn.

Laß uns mitsammen wandern durch Deutschlands Süd und Nord,
Wohin wir immer kommen, – ich adle dir den Ort.
Das Leid durchs Lied gemildert ist nur Verknotigung,
Und Lieb' und Leben machen uns noch als Greise jung.

Und wenn ich, Ännchen, sterbe, sei mir nicht nachgeklagt,
Daß man die Witib wegwirft wie eine Bettelmagd;
Dann sollst du erst erfahren, was doch dein Simon galt;
Denn erst im Tode wird ja uns Dichtern abgezahlt.

Dann setzt man uns die Steine, die man als Brot uns gab,
Mit reuigem Bekenntnis als Denkmal auf das Grab;
Dann gilt dir jedes Briefchen, das ich dir schrieb, für Gold,
Und die den Mann beneidet, sind dann dem Weibchen hold.

Dann fragen dich die Mädchen, wie denn ein Dichter liebt,
Und ob er denn auch wirklich, was er besang, geübt?
Und wo du gehst, da flüstert's in frommer Scheu dir nach:
Das Ännchen ist's von Tharau, das Weib des Simon Dach!«

So spricht zu seinem Ännchen der Dichter tief erregt,
Und wähnt, dieweil sie weinet, auch ihre Brust bewegt;
Doch kaum, daß er gegangen, lacht sie mit eitlem Sinn,
Und gibt sich treuvergessen dem reichen Freier hin.

Doch Simon Dach verbleibt ihr getreu bis in den Tod,
In Lieder nur ergießt er des Herzens herbe Not;
Und daß noch jetzt des Ännchens von Tharau wird gedacht,
Hat nicht das Gold des Reichen, – hat Simons Lied gemacht.