Johann Gabriel Seidl

Dichterlos

In Gesellschaft war ich neulich,
Und in feiner noch dazu,
Man empfing mich höchst erfreulich,
Lobt' und pries mich ohne Ruh'.

»Über Ihre schönen Verse!
Ach, Ihr jüngstes Klinggedicht!
Traun! um eine volle Börse
Glückte solch ein Stück mir nicht.

Sie sind wahrlich zu beneiden,
Gott hat Sie doch recht geliebt,
Daß er ihnen Leid und Freuden
Also zu verschönern gibt!

Kein Begebnis geht vorüber,
Das Ihr Geist nicht groß erfaßt; –
Und die goldnen Berge drüber,
Sagt man gleich, daß Ihr sie haßt!«

Also klang es mir entgegen;
Und gewähren ließ ich sie,
Zürnend dem verkehrten Segen,
Den die neid'sche Kunst mir lieh.

Mit bescheiden ernsten Mienen
Dankt' ich, sprach ich, beugt' ich aus;
Doch sie glaubten mir zu dienen,
Wänden sie mir Strauß um Strauß:

»Ach! und in den Minneliedern,
Die Sie kargend hingestreut,
Welch natürliches Zergliedern
Der verliebten Seligkeit!

Traun! wer Sie nicht kennt, der meinte,
Daß Sie wirklich Flammen sprühn,
Daß Ihr Auge wirklich weinte,
Ihre Pulse wirklich glühn!

Daß dies Mädchen, das wir lieben,
Weil Sie's lieben, leb' und sei,
Daß Sie wirklich ihm verschrieben,
Daß Sie wirklich nimmer frei.

Ei! wie doch die Dichter lügen,
Glauben machen, was nicht ist,
Und uns mit der Wahrheit Zügen
Lockend schmücken ihre List!« –

Also mußt' ich sie vernehmen,
Und nicht länger hielt ich's aus;
War es Unmut, war es Grämen,
Doch es trieb mich aus dem Haus.

Trieb mich fort, hinaus ins Freie,
Wo mich Gott nur hört und ich. –
Tor! so rief ich, das die Weihe?
Und noch immer täusch' ich mich?

Was ich so, so warm gesungen,
Wenn so warm nicht, doch so wahr,
Schilt man Modehuldigungen,
Die die Eitelkeit gebar?! –

Liedern, Tropfen meines Blutes,
Teilen meiner Wesenheit,
Pfändern meines Jugendmutes,
Zeugen meiner Seligkeit;

Liedern, die ich für die eine,
Die mein Herz allein bekennt,
Rückzulegen dacht' als Steine
Für ihr einstig Monument;

Die ich, wenn ich eher sterbe,
Als ich in ihr aufgelebt,
Aufzusammeln dacht' als Erbe,
Das man nicht mit mir begräbt;

Diesen Liedern, armer Sänger,
Hält die Welt ein solch Gericht?! –
Haltet ein, ihr Herrn, nicht länger!
Nennt sie schlecht, – nur Lüge nicht!