Johann Gabriel Seidl

Das wunde Herz

Die Königstochter seufzet:
»Ich fühl' es zu dieser Stund',
Es ist um mein junges Leben geschehn,
Mein Herz ist gar zu wund.

Und solang' ich in meinem Busen
Muß tragen dies Herz so wund,
Wird nimmer die Stirn mir heiter mehr,
Wird nimmer lächeln mein Mund.

Es sitzt mir zu tief im Herzen
Der Dorn der Liebe so scharf,
Und was ich will, das darf ich nicht,
Und will nicht, was ich darf!« –

Die Ärzte kommen und gehen,
Es gilt eines Königs Dank,
Allein für ein liebewundes Herz
Gibts weder Kraut, noch Trank.

Und eh' zwölf Monden verronnen,
Ist große Klag' im Reich,
Des Königs junge Tochter liegt
Auf ihrem Lager so bleich.

Selbst Mund und Stirn der Toten
Entstellt noch tiefer Schmerz; –
Da nehmen die Ärzte ihr aus der Brust
Das kalte, wunde Herz.

Und legen es, wohl durchbalsamt,
In einen kristallenen Schrein,
Und Mönche tragen es in die Gruft,
Und singen es segnend ein.

Dann wird auf Purpurkissen
Die Leiche zur Schau gestellt;
Da liegt sie, das liebliche Schmerzgesicht
Vom Fackelschein erhellt.

Und siehe! nun ist die Stirne
Der heitersten Ruhe Bild,
Und sichtbar spielt um den holden Mund
Ein Lächeln, freundlich und mild.

Im ganzen schönen Antlitz
Kein leiser Zug von Schmerz;
Sie hat es ja los, was sie gequält, –
Ihr armes, wundes Herz!