Johann Gabriel Seidl

Das Totenlichtlein

Am Allerseelentage da sind
Die Gräber von Lichtlein umglänzt,
In Blumen des Herbstes spielet der Wind
Mit denen die Kreuze man kränzt.

Und sinnende Menschen knien entlang,
Die Augen von Tränen umflort,
Vom Chor erdröhnt es im Orgelklang:
»Bedenket, was ihr verlort!« –

Und Mägdlein, was verlorst denn du?
Kein Grab, kein Kreuz ist nah,
Und du kniest doch voll ernster Ruh'
Abseit von den Gräbern da.

Ein rosenfarbenes Lichtlein brennst
Du weinend, seufzend an;
Sprich wer ist's, den du gestorben nennst,
Damit man dich trösten kann!?

Ruht dir der Vater im kühlen Moos? –
»Er freut sich des Lebens noch sehr!« –
Ruht dir die Mutter im Erdenschoß? –
»Noch wandelt sie rührig umher!«

So ruht dir ein Bruder oder ein Freund
Tief unten im modernden Schrein? –
»Nicht Schwester, nicht Bruder hab' ich beweint:
Ich war ja immer allein!

Der eine, mit dem ich's auf dieser Welt
Am besten mein' –, auch er –
Er wandelt vor allen gar wohl bestellt,
Gar fröhlich im Leben umher.

Er ist so munter, er ist so froh,
Er ist vom Grabe noch weit,
Er schwebt – ach! könnt' er es immer so! –
Im Taumel der Seligkeit.

Ich aber, weil ich's nicht ändern kann,
Knie hier in seligem Schmerz,
Und brenne weinend mein Lichtlein an
Für ein mir gestorbenes Herz!«