Johann Gabriel Seidl

Der Älpler und der Fischer

Der Älpler.

Was machst du da? Was tändelst du am Kahn?
Solch eitles Tun ist's wohl der Rede wert?
Hingaukelnd auf des Sees geduld'ger Bahn,
Entfernst du dich ja kaum vom sichren Herd.

Im Auge deine Lieben, Feld und Haus,
Das Element nur prüfend, wenn es schläft,
Wirfst du die leichten Netze lässig aus,
Und treibst in Frieden sorglos dein Geschäft.

Sieh mich! Der Dämmrung Grauen ruft mich fort,
Ein dunkler Trieb nach oben heißt mich gehn;
Die Lieben lass' ich ohne Scheidewort,
Um niemals wieder sie vielleicht zu sehn,

Wetteifernd mit dem Tag klimm' ich empor,
Tief unter mir das Tal, das Wolkenmeer;
Kühn schauend in des Himmels offnes Tor,
Schreit' auf des Todes Wegen ich einher.

Doch steh' ich droben auf der Scharte Saum,
Wo Platz für mich und meinen Mut nur ist,
Und schau' ich weit aus in den freien Raum,
Den selbst des Adlers Auge schwindelnd mißt; –

Und steh' ich in der großen Stille da,
Die keines Gleckwurms Pfiff mehr unterbricht,
Allein mit meinem Gotte fern und nah,
Vielleicht der einz'ge rings so hoch am Licht; –

Dann schaut dein Tal, ein Rasenfleck, herauf,
Dein Haus, ein Vogelnest an seinem Rand,
Dein mächt'ger See, nur eine Lache drauf, –
Und stolz lobpreis' ich meinen Älplerstand.

Der Fischer.

Zieh hin mit Gott, du kühner Jägersmann!
Ich falte wohlgemut die Maschen aus,
Mit muntrem Liede geht's den See hinan,
Ein liebes Echo wiederholt's vom Haus.

Wohl schläft auch lauernd unter mir der Tod;
Doch frevelnd ihn zu wecken hüt' ich mich,
Und wenn er murrend aus der Tiefe droht,
Harr' ich in Demut, bis sein Zürnen wich.

Auch unter mir im Wasserspiegel ruht
Der blaue Himmel in erhabner Ruh',
Und wenn sie sich beäugelt in der Flut,
Bin ich der Sonne näher noch als du.

Die schroffen Zacken, die dein Fuß versucht,
Die Schlüft', in deren Öhr du schwindelnd hangst,
Sie bieten, spiegelnd sich in grüner Bucht,
Mir Hochentzücken, ungetrübt von Angst.

Und statt der Totenstill' im Reich der Luft,
Kommt, wenn die Herden ziehn im Abendstrahl,
Der Senne johlt, das Ave-Glöcklein ruft,
Der Geist der Stille trauter noch ins Tal.

Drum schau du immerhin von lust'ger Bahn
Herab aufs Tal, mein Haus und meinen See, –
Ich schiffe doch mit meinem leichten Kahn
Weg über deiner Alpen Eis und Schnee.

Weg über dich, der stolz auf sich vertraut,
Gleit' ich bescheiden in gemessnem Lauf
Und jener Mond, der auf dich niederschaut,
Schaut aus dem Wasser mild zu mir herauf.