Johann Gabriel Seidl

Auf dem Balle

Wenn alles in buntem Wirbel sich dreht,
Die Herzen heftiger schlagen,
Und Saitengetön durch die Säle weht,
Dann faßt mich ein eignes Behagen.

In einen Winkel drück ich mich dann,
Und lasse die Augen gewähren;
Manch huldiges Fräulein blickt mich an,
Und meint wohl, ich müss' – entbehren.

»Er ist ein Sonderling!« flüstert's hier,
Dort heißt es: »Er läßt sich bitten!« –
Ein dritter spöttelt, es habe mir
Mein Weibchen das Tanzen bestritten. –

Ein vierter bemerkt: der feine Ton
Sei nicht meine stärkste Seite. –
Ich aber belächle mir Huld und Hohn,
Und mustere still meine Leute.

Sie flattern hinab, sie stiegen herzu,
Sie flüstern, bekritteln, bestaunen;
Ich aber erwäg' in genießender Ruh'
Des Lebens wechselnde Launen.

Was mancher auf Gräbern noch nie geahnt,
Ahn ich auf dem Boden des Tanzes;
Oft gleißt in des Schicksals drohender Hand
Die Blüte des festlichen Kranzes.

Sie glauben alle sich wahrhaft zu freun;
Die Glücklichen, daß sie es glauben! –
Es haben die Stunden, die Rosen uns streun,
Ja Schwestern, die Rosen uns rauben!

Drum halt' es hienieden jeder für sich,
Wer wollt' einander beschränken?
»Die anderen, denk' ich, tanzen für dich: –
Du magst für die anderen denken!«